Nita verschwindet

Kapitel 8: Nita fährt mit Milena an den Comer See und hört Erik Satie. (September 2010 / Juli 2009)

Das Bandrauschen, es klingt wie ferner Regen, wie ein Wasserfall hinter geschlossenen Fenstern. Dann schleichen sich die ersten Klaviertöne in den Raum. Nita weiß nicht, wie viele Male sie das Band bereits repariert oder wieder aufgewickelt hat. An manchen Stellen fehlen Töne oder sogar Takte. Da sind Lücken. Nicht nur in der Musik.

Das Mixtape war ein Mitbringsel, ein Geschenk, viel mehr als das. Im Sommer 2009, vor etwas mehr als einem Jahr, war Milena zu Nita in den Wagen gestiegen, hatte sie auf die Wange geküsst und ihr dann die Kassette in die Hände gelegt. Musik für die Reise, hatte Milena gesagt, und Nita merkte erst viel später, welche Reise damit untermalt war. Zunächst waren die Lieder der Soundtrack für die Fahrt in den Süden. Eine Woche am Comer See, nur sie beide. Diese Woche, sie war mehr als nur ein Urlaub. Sie war ein separates Leben, losgelöst vom ganzen Rest.

Als sie sich kennenlernten, war ihr Milena im ersten Moment nicht sonderlich sympathisch. Ihr Auftreten war zu selbstbewusst, zu resolut, bisweilen wirkte sie beinahe männlich, obwohl ihrem Gesicht und ihrem Körper eine ausgeprägte Weiblichkeit innewohnte. Nita war mit Freunden unterwegs, einer dieser Freunde kannte Milena, und als sie sich in der Stadt trafen, schloss sich Milena ihnen spontan an. Sie war laut, vielleicht auch bereits ein wenig betrunken, jedenfalls fühlte sich Nita zu Beginn ein wenig eingeschüchtert. Erst mit fortschreitender Dauer des Abends fand sie allmählich Gefallen an Milena und erkannte, dass sich hinter der harten und widerborstigen Fassade eine kluge Frau verbarg, die zudem ziemlich gut darin war, sich auf Gesprächspartner einzulassen. Mit den Männern in der Gruppe verhielt sie sich gewohnt forsch und energisch, doch sobald sie mit Nita sprach, veränderte sich ihr Tonfall, die Stimme wurde sanfter, weicher, wärmer. Nita kann sich nicht mehr genau daran erinnern, worüber sie in jenen Stunden sprachen, aber sie weiß genau, dass es jene Stunden waren, die den Ausschlag gaben, dass sie sich zu Milena hingezogen fühlte.

Der Abend endete in einer schummrigen Kneipe am Stadtrand, von der Nita noch nie zuvor gehört hatte. Sie spielten Darts, tranken Bier und Kräuterschnaps, sangen zu den alten Songs, die aus den kleinen Lautsprechern dröhnten. Irgendwann waren ihre Freunde verschwunden, nur noch Milena saß mit ihr am Tisch. Zunächst sprach Nita davon, ebenfalls nach Hause zu gehen, doch Milena legte ihre Finger auf Nitas Hand und bat sie, doch noch ein wenig zu bleiben. Nita nickte. Trotzdem verließen sie bald darauf die Kneipe und machten stattdessen einen Spaziergang durch die erstaunlich stillen Gassen.

Als sie sich auf die Bank auf der kleinen Anhöhe über der Stadt setzten, begann sich der Himmel im Osten bereits ein wenig aufzuhellen, vereinzelte Wolken fingen das erste Licht des Morgens ein und leuchteten schwach. Nitas Trunkenheit hatte aufkeimenden Kopfschmerzen Platz gemacht, und auch Milena schien längst nicht mehr so lebendig und übermütig wie noch zu Beginn des Abends. Sie saßen schweigend nebeneinander, blickten zum Horizont und warteten, bis die Sonne hinter dem Hügel hervorlugte. Es war ziemlich kühl, und als Nita ein wenig zu zittern begann, legte Milena ihr den Arm um die Schulter.

Sie sprachen über die prägenden Momente in ihren beiden Leben. Nita schmückte ihre Erzählungen ein wenig aus, und sie wusste nicht, ob Milena bei den Berichten über ihre Erinnerungen besonders nahe an der Wahrheit blieb. Doch in jenem Moment spielte es kaum eine Rolle, sie war dankbar für jede Minute, die sie dort oben auf der kleinen Bank verbrachten. Als die Sonne sich endlich über die Hügelkante schob, lag Milenas Arm nicht mehr über ihren Schultern, sondern bewegte sich über ihren Oberkörper, während Nita ihre Finger über Milenas Oberschenkel tanzen ließ.

Nach dieser Nacht sahen sie sich ziemlich häufig. Bisweilen sagte Nita bereits vereinbarte Treffen mit ihrer Freundin Hanna ab, um Zeit mit Milena zu verbringen. Zwar liebte sie Hanna nach wie vor, sie war seit Jahren ihre beste Freundin, doch die Momente mit Milena schienen ihr ungleich kostbarer zu sein, sie fühlte sich anders gesehen, mit anderen Augen, mit anderen Blicken. Und auch sie selbst sah Milena in einer Weise an, die ihr zuvor kaum bekannt schien. Es war nicht nur der Wunsch, sie zu berühren. Es war auch das Gefühl, dass die Wärme von Milenas Körper auf sie übergreifen würde, wenn sie sich nah waren.

Als Milena und Nita die Reise an den Comer See planten, spürte Nita, wie sich in ihrem Innern etwas aufbaute, etwas Ungewohntes, kaum Greifbares. Ihre Vorfreude galt nicht dem See, auch nicht der Aussicht auf eine Auszeit, eine Woche ohne Arbeit oder andere Verpflichtungen. Sie freute sich auf Milena. Am Abend vor der Abreise konnte sie kaum einschlafen, immer wieder wanderten ihre Gedanken hin zu den Szenarien, die sich in der folgenden Woche würden abspielen können. Dieses Fantasieren lag ihr, sie konnte sich stundenlang in ihre Vorstellungen und Hirngespinste verstricken, bis sie sich kaum mehr zu befreien vermochte.

Das Mixtape beginnt mit Erik Satie. Gymnopédie. Nita erinnert sich an die erste Nacht im Hotelzimmer. Sie lag auf dem großen Bett, müde und beinahe nackt, mit geschlossenen Augen und pochendem Herzen. Milena kam aus der Dusche, legte die Kassette in das kleine Kofferradio, das sie mitgebracht hatte, und schaltete ein. Dann kletterte sie zu Nita ins Bett und begann, sie zu streicheln, zu küssen, im Gesicht und am Hals, dann unter den Armen, warum auch immer. Nita kicherte, doch Milena ließ sich nicht beirren. Ruhig und schweigsam wanderten ihre Lippen über Nitas Haut, ein warmes Erkunden im schwachen Licht einer lächerlich kleinen Lampe. Nach Erik Satie kam Northern Sky von Nick Drake, dann Wild Horses von den Rolling Stones, und zu Crazy Love von Van Morrison vergrub Milena ihren Kopf in Nitas Schoss.

Nita weiß noch heute nicht, ob sie ein Paar waren. Sie definierten sich nicht, suchten nicht nach Klarheit; da war eine andere Sprache, die keiner Buchstaben bedurfte. Zwar unterhielten sie sich häufig über die Nähe zwischen ihnen, über die Selbstverständlichkeit, die bisweilen in ihren Bewegungen und Regungen lag. Doch nie war von einer Beziehung die Rede. «Was sind wir?», hatte Nita einst gefragt. Milena hatte gelächelt und ihre Hand auf Nitas Wange gelegt. «Unbesiegbar.»

Sie fuhren mit Nitas altem Toyota zu einer einsamen Stelle am See, dann wieder nach Como, dann nach Bellagio, und stets hörten sie das Mixtape, das sich schon damals wiederholt in den Spulen des Autoradios verhedderte. Wenn sie aus dem Wagen stiegen, hörten sie eine andere Musik; das leise Rauschen des Windes oder das Pulsieren des Blutes, ihren eigenen Atem.

Einmal hatten sie sich in Bellagio auf eine Parkbank gesetzt, direkt am Comer See, in der Nähe der Anlegestelle der Fähre. Zunächst blieben sie wortlos, starrten gebannt auf die Berge hinter dem See, als würden sie erwarten, dass sich an der Aussicht etwas ändern würde. Irgendwann fragte Milena sie, wie die Beziehung zu ihren Eltern sei, und Nita antwortete in knappen und reichlich unverbindlichen Worten, in welchen stets das Streben nach Relativierung mitschwang. Als Nita sich im Umkehrschluss nach Milenas Beziehung zu ihren Eltern erkundigte, begann diese zu erzählen.

Ihre Mutter schien in dieser Erzählung nur eine Nebenrolle zu spielen, Milena sprach vornehmlich über ihren Vater, was erstaunlich war, denn der Vater war offenbar nur selten zugegen, und wenn er da war, schien ihm wenig daran gelegen, die fehlende Zeit als Familie in irgendeiner Form zu kompensieren. In ihren Worten beschrieb Milena einen kalten und harten Mann, der körperliche Nähe nur in Form von Gewalt zu erreichen vermochte. Die Schläge tat sie mit einem Schulterzucken ab, doch die fehlende Nähe, die ausbleibende Bestätigung und die Lieblosigkeit ließen ihr Gesicht erstarren. Milena starrte auf das Wasser des Comer Sees, während ihre Augenwinkel ganz leicht zuckten. Und ausgerechnet in jenem Moment, in jenem Augenblick der emotionalen Nacktheit, wäre Nita am liebsten aufgesprungen und hätte ihrer überschäumenden Freude Ausdruck verliehen. Sie tat es nicht, hielt sich zurück und versuchte mit aller Kraft, sich adäquat zu verhalten; nicht weil sie musste, sondern weil sie wollte. Trotzdem verspürte sie diese unbändige Euphorie. Natürlich hatte nichts, was Milena damals am Ufer des Comer Sees erzählte, zu dieser Euphorie Anlass gegeben. Der Anlass war, dass sie erzählte. Wie sie erzählte. Dass sie es Nita erzählte. Dass sie sich ihr gegenüber öffnete. In einer Art und Weise, wie sich ihr gegenüber noch niemals jemand geöffnet hatte. In keiner Beziehung, die sie bisher – ausschließlich mit Männern – geführt hatte, war ihr jemand so nahe gekommen. Sie umarmte Milena so heftig wie nie zuvor, ohne zu wissen, was diese Umarmung für sie, für Milena oder für beide bedeutete.

Die restlichen Tage verliefen seltsam zäh und unspektakulär. Sie gingen durch hübsche Gassen, tranken Espresso und Weißwein, kauften Souvenirs. Sie langweilten sich nicht, es war durchaus angenehm, die Zeit einfach vorüberziehen zu lassen. Dennoch schien sich etwas querzustellen im Gefüge, etwas blockierte den Lauf der Dinge. Sowohl Nita als auch Milena sprachen es nicht an, obwohl es keine Zweifel daran gab, dass beide sich damit beschäftigten in den schweigsamen Phasen, die ungewohnt häufig wurden. Bisweilen saßen sie minutenlang beieinander, ohne ein Wort zu wechseln oder Blicke zu tauschen. Die Intimität jenes Momentes am Seeufer, sie kehrte nicht mehr wieder. Auch die Euphorie jenes Momentes blieb aus. Nita fühlte sich wie ein Teil eines Duos von Zauberinnen, denen die Magie abhanden gekommen war.

Am letzten Abend am Comer See lagen sie im Bett, ineinander verschlungen wie ein Geflecht aus nackter Haut. Aus dem Kofferradio erklang gerade I Hope That I Don’t Fall In Love With You von Tom Waits, als die Musik zunächst langsamer wurde und schließlich erstarb. Das Kassettenband war offensichtlich erneut in den Spulen hängengeblieben, doch dieses Mal schien etwas anders als sonst. Alles wurde still. Sie kann sich nicht mehr entsinnen, wessen Tränen zuerst kamen, ihre oder jene von Milena. Bald weinten sie beide; nicht schluchzend oder schniefend, sondern ganz stumm, beinahe erschreckend geräuschlos.

Irgendwann fragte Nita, warum sie weine. Milena antwortete nicht, löste sich stattdessen aus der Umarmung und stand auf. Sie ging mit langsamen Schritten zum großen Fenster, stellte sich mit hängenden Schultern hin und ließ ihren Kopf von links nach rechts und zurück kippen, immer wieder. Nita setzte sich auf, zog die Beine unter ihr Kinn und starrte Milena an. Hin und wieder öffnete sie ihren Mund, wollte Wörter zu Sätzen formen, presste dann die Lippen aber wieder zusammen. Als sie das Schweigen nicht mehr aushalten konnte, räusperte sich.

Womöglich war es das Räuspern, denkt Nita heute. Vielleicht wären die Dinge anders verlaufen, wenn sie sich nicht geräuspert, sondern einfach abgewartet hätte. Vielleicht hat dieses Räuspern Milenas Gedanken in einem falschen Moment unterbrochen, und dieser Unterbruch führte dazu, dass sie die Gedanken zu einem schnellen, einem vorschnellen Ende führen wollte. Jedenfalls drehte sich Milena nach dem Räuspern abrupt um und blickte in Nitas Richtung. Nita wusste nicht, ob Milena sie direkt ansah, es war zu dunkel, um ihre Augen erkennen zu können.

Die ersten Sätze hörte Nita noch klar und deutlich, danach schien jedes weitere Wort zunehmend in einem Rauschen unterzugehen. Milena sprach davon, dass ihr Bauch ihr etwas sagen wolle und dass sie dem Bauch vertrauen sollte, vertrauen müsse. Sie sagte, dass es für sie nur ganz oder gar nicht geben könne, nichts dazwischen, und nach einem kurzen Zögern fügte sie an, dass es nicht ganz sei, dass etwas fehle, obschon sie nicht wisse, was es genau war. Sie rang nach Worten, schien stets um die richtige Formulierung zu kämpfen, doch Nita hörte kaum mehr hin, hörte nur noch das Rauschen, das immer lauter und breiter wurde, als ob der gesamte Comer See über sämtliche Ufer zu treten drohte.

Danach lief die Zeit, ihre Zeit, ins Leere. Während der Heimfahrt hörten sie weder das Mixtape noch andere Musik, sondern nur das Dröhnen des Motors von Nitas altem Toyota. Die Fahrt schien endlos, und als Nita vor dem Haus anhielt, in welchem Milena wohnte, war sie dankbar, dass sie endlich angekommen waren.

Nach ihrer Rückkehr sahen sie sich immer seltener, telefonierten nur noch sporadisch und schließlich gar nicht mehr. Eine Zeit lang versuchte Nita, die Ereignisse und ihre Gefühle herunterzuspielen, die Euphorie jener Augenblicke am Comer See zu relativieren. Sie versuchte, die Zeit mit Milena mit einem Schulterzucken abzutun. Doch es gelang nicht. Und nur allmählich begann sie zu begreifen, dass es nicht notwendig war, das Relativieren und Schulterzucken.

Es gab nur eine mögliche Alternative zum tatsächlichen Verlauf der Dinge mit Milena. Nämlich jene, dass sie sich nie kennengelernt hätten. Nita war froh und dankbar, dass es das Kennenlernen gab und alles, was darauf folgte. Auch wenn sie sich bisweilen dazu zwingen musste, froh und dankbar zu sein.

Wenn Nita das Mixtape heute hört, ist es im Rahmen eines Rituals. Sie holt das Kassettengerät, das sie nur zu diesem Zweck besitzt, aus dem Schrank und legt es aufs Bett. Sie löscht alle Lichter bis auf eine lächerlich kleine Lampe. Sie zieht sich nackt aus, drückt die Abspieltaste und legt sich hin. Das Bandrauschen, es klingt wie ferner Regen, wie ein Wasserfall hinter geschlossenen Fenstern. Dann schleichen sich die ersten Klaviertöne in den Raum.

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