Nita verschwindet

Kapitel 7: Der Heizungstechniker Antonio sieht in Nitas Wohnung etwas, das ihn nicht mehr loslässt. (Juli 2010)

Er mag das. Zu den Leuten nach Hause zu gehen, ihre Heizungen zu überprüfen oder zu reparieren, in ihre Wohnungen zu blicken und den Duft darin einzuatmen, ihnen helfen zu können, wie ein Samariter, ein technischer Samariter, vielleicht. Antonio mag das alles sehr. Es erinnert ihn an seine Kindheit, als er mit seinem Vater unterwegs war, der als Hauswart in mehreren Liegenschaften arbeitete. Immer wieder durfte er die Wohnungen von fremden oder kaum bekannten Menschen betreten, durfte sich in ihren Räumen aufhalten. Er konnte riechen, was sie kochten, er konnte sehen, wie sie lebten und was sie sich an die Wände hängten. Sein Vater war meist damit beschäftigt, einen Abfluss zu reinigen oder einen Fensterladen zu reparieren, und Antonio nutzte diese Zeit, um sich umzusehen und die Eindrücke zu verarbeiten. In einer Wohnung sah er eine Sammlung mit unzähligen Vogelfiguren aus Glas, in einer anderen Wohnung die Bilder von nackten Frauen an den Wänden, dann wieder Wohnungen, die praktisch leer waren und nur ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl enthielten, oder Wohnungen mit zehn oder zwölf Katzen. Manchmal verwirrte ihn, was er sah, doch meistens faszinierte ihn diese Vielfalt. Dass Menschen so unterschiedlich und so außergewöhnlich, so bunt und so einzigartig sein konnten, ließ ihn annehmen, dass auch er irgendwie in diese Welt passen dürfte, ganz egal, was aus ihm werden würde.

Er ist nicht allzu bunt und nicht allzu außergewöhnlich geworden, dessen ist Antonio sich bewusst. Er ist zweiunddreißig Jahre alt, arbeitet als Heizungstechniker, lebt allein in einer Zweizimmerwohnung und hat jegliche Ambitionen, etwas Abenteuerliches zu erleben oder unkonventionelle Wege einzuschlagen, längst aufgegeben. Trotzdem verspürt er keinerlei Frustration. Wenn ihn jemand fragt, wie es ihm geht, antwortet er stets mit Gut, und er ist ziemlich sicher, dass er dabei nur sehr selten lügt.

Antonio weiß, dass er mit seiner Tätigkeit nicht die Welt rettet, aber er ist dennoch stolz darauf. Er findet es ehrenwert. Und wenn dann eine entfernt bekannte junge Mutter mit zwei kleinen Kindern sich mit einem Kuss auf die Wange bei ihm bedankt, dass er so schnell bei ihr war und ihre Heizung repariert hat, damit sie nicht mehr frieren müssen, dann macht ihn das glücklich. Und wenn eine alte Frau ihm mit ihren knorrigen Fingern ein paar Münzen in die Hand legt und verschwörerisch flüstert, das sei dann für die Kaffeekasse, dann macht ihn das zufrieden.

Er hat schon vieles gesehen. Menschen sind faszinierende Wesen, vor allem dort, wo sie zu Hause sind. Draußen auf der Straße passen sie sich an, sie fügen sich ein in diese Masse, die jeden Tag durch die Dörfer und Städte fließt. Doch zu Hause, in ihren Wohnungen und Häusern, sind die Menschen häufig ganz anders, sind ganz bei sich.

Manche unter ihnen machen ihm Angst. Einmal war Antonio bei einem älteren Mann, der eigentlich ziemlich freundlich war. Doch an seinen Wänden hingen unzählige Waffen, vor allem Pistolen und Messer, daneben Flaggen und Schilder. Da war auch eine Hakenkreuzfahne zu sehen, ebenso ein Bild von Adolf Hitler und von anderen Männern in Uniformen. Antonio ging rasch in den Heizungskeller und kontrollierte die Anlage, tauschte einen Filter aus und versuchte, möglichst wenig Lärm zu machen. Der ältere Mann bot ihm noch einen Kaffee an, doch Antonio lehnte höflich ab und schlich mit gesenktem Kopf wieder aus dem Haus.

Ein anderes Mal musste Antonio die Heizungsanlage in einem riesigen Haus überprüfen. Es war einer jener modernen Betonblöcke mit großen Fenstern und scharfen Kanten. Eine schweigsame Frau ließ ihn ins Haus, und bis zur Heizung musste er zwei Türen passieren, die sich nur mit einem Zahlencode öffnen ließen. Die Heizungsanlage war in einwandfreiem Zustand, zudem ungemein sauber, beinahe so, als würde sie regelmäßig abgestaubt und gereinigt. Als Antonio sich nach einer Person umsah, die ihm die Inspektion quittieren würde, konnte er niemanden finden. Er rief Hallo, doch niemand antwortete. Er ging vorsichtig voran und kam zu einer weiteren Türe, die über einen Zahlencode gesichert war. Doch die Tür war nur angelehnt, also stieß Antonio sie auf und ging weiter. Er stieg einige Treppen hoch, bis er sich in einem großen Zimmer wiederfand, dessen Boden mit grünem Teppich ausgekleidet war, auf welchem zahlreiche eigenartige Gebilde errichtet waren. Er war so überwältigt von der merkwürdigen Umgebung, dass er gar nicht bemerkte, dass ein Mann in der Ecke des Raumes stand. Als dieser ihn ansprach, zuckte Antonio zusammen, und als er den Mann ansah, zuckte er gleich nochmals zusammen. Er war sehr alt, seine Haare waren weiß wie Schnee, und er trug nur eine Unterhose, ansonsten war er nackt. Sein Körper war dürr, die Rippen drückten durch die bleiche Haut. In der Hand hielt er einen Golfschläger. Erst jetzt bemerkte Antonio, dass der Raum wohl eine Minigolf-Anlage war. Ob er mitspielen wolle, fragte der alte Mann und starrte ihn mit stechendem Blick an. Antonio schüttelte langsam den Kopf und stammelte, dass er lediglich eine Unterschrift brauche, wegen der Heizung. Der alte Mann kam näher, blickte kurz auf das Formular und kritzelte seinen Namen in das entsprechende Feld. Dann spielte er weiter. Als sich Antonio abwandte und gehen wollte, krächzte der alte Mann, dass er jederzeit gerne vorbeikommen könne, falls er einmal Lust auf eine Runde Minigolf habe. Antonio nickte lediglich und sagte nichts.

Es gibt immer wieder Begegnungen, die seltsam sind, schön oder beängstigend, skurril oder traurig, lustig oder berührend. Doch keine Begegnung war so wie jene am Tag zuvor.

Auf seinem Arbeitsplan stand ein Mehrfamilienhaus, in welchem er die zentrale Heizungsanlage kontrollieren und zudem die Radiatoren in den einzelnen Wohnungen überprüfen sollte. Die Anlage im Keller war ziemlich alt, aber grundsätzlich in Ordnung, lediglich Düsen und Filter waren zu wechseln. Die Mieter im Haus waren wie üblich informiert worden, dass er zu ihnen in die Wohnung kommen musste. Einige waren zu Hause, andere hatten einen Schlüssel bei einem Nachbarn deponiert. Keiner der Bewohner war besonders unfreundlich, keiner besonders freundlich, abgesehen von der Katze im Treppenhaus, die Antonio stets um die Beine strich, sobald er eine Wohnung verließ und bei der nächsten klingelte.

Als er vor der Tür der letzten Wohnung in der obersten Etage stand, hörte er das Rauschen von Wasser und ziemlich laute Musik. Ein Mann mit seltsam rauchiger Stimme sang zu merkwürdigen Klängen und ungewohnten Rhythmen. Antonio klingelte und wartete, aber nichts geschah. Er klingelte erneut, doch abermals hörte er lediglich das Rauschen der Dusche und den eigentümlichen Gesang. Er schaute auf seine Uhr, zuckte mit den Schultern und lehnte sich an das Treppengeländer.

Irgendwann wurde das Wasser abgedreht, nur noch der Gesang war zu hören. Antonio wartete fünf Minuten, dann klingelte er ein weiteres Mal. Nach wenigen Sekunden ging die Tür auf. Vor ihm stand eine junge Frau, vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Jahre alt, nur mit einem weißen Hemd und einer sehr kurzen Hose bekleidet, die vielleicht auch nur eine Unterhose war. Er hatte schon viele schöne Frauen gesehen, in Zeitschriften, auf der Straße, in Filmen. Doch diese Frau war ganz anders. Sie war nicht einfach schön. Sie war außergewöhnlich. Er sah ihr in die Augen, ließ dann aber sofort seine Blick sinken. Dann merkte er, dass er als Folge auf ihre Brüste starrte, die sich unter einem taillierten Hemd abzeichneten, also senkte er seinen Blick noch weiter und blickte nun auf ihre nackten Beine. Beschämt dreht Antonio seinen Kopf zur Seite. Er fühlte sich ziemlich überfordert.

«Ja?», fragte die Frau.

«Ähm, ich komme wegen der Heizung.»

«Wegen der Heizung?»

«Ja. Ich muss die Radiatoren überprüfen. Geht ganz schnell.»

«Ach, keine Eile. Ich habe Zeit. Heute ist mein freier Tag.»

«Darf ich reinkommen?»

«Klar.»

Als er die Türe hinter sich geschlossen hatte, streckte sie ihm ihre Hand entgegen.

«Ich bin Nita.»

Er griff nach ihrer Hand, ganz vorsichtig, um sie nicht schmutzig zu machen.

«Antonio. Anita oder Nita?»

«Nita. Anita ist tot.»

«Oh, das tut mir leid.» Antonio lächelte unsicher. Natürlich sah Antonio nicht, dass er unsicher lächelte, aber er spürte es genau, und das ließ ihn noch unsicherer lächeln.

«Muss dir nicht leid tun. War meine Entscheidung.»

«Aha. Nun, ich will nicht lange stören.»

«Du störst nicht. Antonio war dein Name, oder?»

«Genau.»

«Sind deine Eltern Italiener?»

«Nein, meine Mutter mochte lediglich den Namen. Wegen Antonio Vivaldi.»

«Oh, das ist schön. Ich mag Vivaldi. L‘Estro Armonico

«Was?»

«L‘Estro Armonico. Ein Konzertzyklus von Vivaldi.»

«Kenne ich nicht. Ich kenne nur die vier Jahreszeiten.»

«Die meisten Leute kennen von Vivaldi nur die vier Jahreszeiten.»

«Aber von denen sind die wenigsten nach ihm benannt worden.»

Nita lächelte, und Antonio fragte sich, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte. Ob es gut oder schlecht war. Es war jedenfalls schön.

«Apropos Jahreszeiten», murmelte er. «Du hast einige verpasst.»

«Wie meinst du das?»

«Na, dein Kalender hier», sagte Antonio und deutete an die Wand. Unterhalb einer abstrakten Zeichnung, die entfernt an einen Baum erinnerte, war die Zahl 2009 zu lesen.

«Ich weiß, der ist von letztem Jahr. Aber ich mag das Bild. Und die Zeit ist sowieso immer zu schnell unterwegs.»

Er zuckte mit den Schultern und wusste in jenem Moment wohl tatsächlich nicht genau, was sie damit meinte.

«Was ist denn mit der Heizung?», wollte Nita wissen.

«Eigentlich nichts. Ist nur eine Kontrolle. Ich müsste mir einfach alle Radiatoren kurz anschauen können.»

«Klar, kein Problem. Es ist nicht aufgeräumt. Ich hoffe, das stört dich nicht.»

«Nein, natürlich nicht. Ich habe schon ziemlich schlimme Wohnungen gesehen. Deine ist keine dieser Wohnungen.»

«Oh, danke. Was ist denn schlimm?»

«Schlimm sind die Wohnungen mit Ratten. Ich mag Ratten eigentlich. Aber wenn sie in Wohnungen wohnen, stimmt was nicht.»

Nita lächelte erneut, und bevor Antonio sich ein weiteres Mal fragen konnte, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte, deutete sie auf die Radiatoren im Wohnzimmer.

«Hier hat‘s Radiatoren, dann im Schlafzimmer und im Büro. Außerdem in der Küche und im Badezimmer. Und einer hängt noch neben der Eingangstür.»

Antonio nickte, wollte noch etwas sagen, machte sich dann aber wortlos an die Arbeit. Nita hatte das Gespräch offensichtlich beendet. Manchmal wunderte er sich, warum er solchen Vorgängen häufig nicht schnell genug folgen konnte.

Während er die Radiatoren prüfte, sie entlüftete und reinigte, versuchte er, unauffällige Blicke auf Nita zu werfen. Er duckte sich und spähte unter seinem Arm hindurch zu ihr hin, dann wieder tat er so, als müsste er ein Werkzeug aus seiner Tasche holen. Nita stand die meiste Zeit neben einer Kommode und blätterte in einer Zeitschrift. Irgendwann fragte er, welche Musik sie zuvor gehört hatte.

«Bevor du geklingelt hast? Tom Waits.»

«Tom Waits?»

«Genau.»

Antonio mochte Tom Waits. Obwohl er ihn nicht kannte.

Im Schlafzimmer stand eine große alte Truhe vor dem Radiator. Antonio fragte, ob er sie kurz zur Seite rücken dürfe, und Nita nickte.

«Natürlich darfst du. Ich helfe dir kurz.»

«Es geht schon, kein Problem.»

«Nein, ist schon gut. Zusammen geht‘s besser, oder?»

Antonio nickte, und gemeinsam hoben sie die Truhe hoch, die gar nicht so schwer war, wie sie wirkte. Schon da machte ihn ihre Nähe und Körperlichkeit ein wenig nervös. Dann bückte sich Nita nach einem Tuch, das hinter der Truhe zu Boden gefallen war, und in jenem Moment sah Antonio ihre nackte Brust unter dem Hemd. Die Brustwarze hob sich hart von den Rundungen ab, und wegen Nitas gebückter Haltung stand die Brust ein wenige unnatürlich ab. Er hatte sie nur wenige Bruchteile einer Sekunde gesehen. Das war gar nichts im Vergleich zu den anderen Dingen der Welt, die er zumeist über einen längeren Zeitraum zu betrachten vermochte. Trotzdem brannte sich das Bild in seinen Kopf ein. Er erinnerte sich an eine Mondfinsternis, deren Anblick sich ebenfalls eingebrannt hatte. Er konnte sich noch genau an den Blutmond erinnern, an das schwache rote Leuchten. Doch es war nichts gegen das. Es war nichts gegen Nitas Brust.

Nita ging wieder zurück ins Wohnzimmer, ließ ihn allein im Schlafzimmer zurück, wo er mit ziemlich dümmlichem Gesichtsausdruck an die Wand starrte. Natürlich sah Antonio nicht, dass er mit ziemlich dümmlichem Gesichtsausdruck an die Wand starrte, aber er spürte es genau, und das ließ ihn noch dümmlicher an die Wand starren.

Er hatte die restlichen Radiatoren ziemlich schnell überprüft, war ungewohnt unaufmerksam und fahrig gewesen. Danach sagte er zu Nita, dass alles in Ordnung sei, und verabschiedete sich hastig. Sie bedankte sich und schloss die Tür hinter ihm. Einige Sekunden später hörte er wieder den seltsamen Gesang von Tom Waits, die merkwürdigen Klänge, die ungewohnten Rhythmen. Während er die Treppen hinabstieg, klang die Stimme wie das Heulen eines Wolfes. Antonio hielt inne und lauschte. Er sah noch einmal Nitas Brust vor sich, ihre Brustwarze, die Form unter dem Hemd. Dann öffnete jemand aus einer anderen Etage die Wohnungstüre, und Antonio eilte die Treppen hinab ins Freie.

Und jetzt, einen Tag später, denkt er zurück an jenen Moment, als er mit Nita die Truhe hochhob. Er sieht den weißen Stoff ihres Hemdes, sieht den Saum und einen Knopf. Er sieht die Brustwarze, natürlich sieht er die Brustwarze, doch vor allem sieht er, wie lebendig ihr Körper in jenem Moment gewirkt hat, so wahrhaftig und warm. Noch immer fühlt er sich ertappt, noch immer fühlt er sich ein wenig töricht, doch gleichzeitig merkt er, dass jenes Bild von Nitas Brust sich in sein Gedächtnis einbrennt. Er mag das. Er mag Erinnerungen. Doch manchmal hält er sie nicht aus. Manchmal machen sie ihn traurig, weil sie sich nie in die Gegenwart zu retten vermögen. Da ist so wenig, das sich festhalten lässt in seiner Welt. So wenig, das er berühren kann, das ihn berühren kann. Natürlich ist da die Rohrzange, natürlich sind da die Seitenwände der Heizungsanlagen. Natürlich sind da die paar Münzen, die ihm eine alte Frau mit ihren knorrigen Fingern in die Hand legt. Doch sie reichen nur für Kaffee.

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