Nita verschwindet

Kapitel 34: Nita schreibt ihren Eltern einen Brief und scheitert daran, die richtigen Worte zu finden. (Juli 2016)

Nita schiebt das Blatt Papier über den Tisch, schaut zu, wie es sich ein wenig hebt, wenn sie es schnell genug bewegt. Sie mag diese Leichtigkeit des Papiers, ist immer wieder erstaunt darüber. Womöglich wäre sie weniger beeindruckt von der Leichtigkeit, wenn sie sich selbst nicht so schwer und plump fühlen würde. Kontraste begünstigen Übertreibungen, zumindest manchmal. Sie räumt den Gedanken zur Seite und verharrt einige Sekunden lang. Dann beginnt sie zu schreiben.

Mama, Papa

Ich weiß nicht, wann ich euch zum letzten Mal Mama und Papa genannt habe. Ich gehöre nicht zu denen, die ihre Eltern bei den Vornamen nennen. Ihr seid für mich nicht Maria und Hugo. Aber Mama und Papa geht auch nicht mehr. Es macht mich so klein, so jung, so kindlich. Doch ich bin kein Kind mehr.

Wenn ihr diesen Brief lest, werdet ihr euch vielleicht die Frage nach dem Warum stellen. Eigentlich sollten diese Zeilen als Antwort genügen. Doch ich befürchte schon hier und jetzt, also noch bevor die folgenden Zeilen überhaupt geschrieben werden, dass mir diese Antwort nicht gelingen wird. Ich habe vielleicht gar keine Antwort. Doch vielleicht ist das bereits die Antwort. Oder kommt der Antwort ziemlich nahe.

Ich frage mich immer wieder, ob ich glücklich bin. Womöglich ist es eine dumme Frage, eine unsinnige Frage. Wer sich diese Frage stellt, wird in den seltensten Fällen mit Ja antworten. Oder anders: Wer diese Frage mit Ja beantworten würde, wäre kaum bestrebt, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Somit dürfte klar sein, wie ich die Frage jeweils beantworte. An guten Tagen reicht es vielleicht für ein Ja, aber. Meistens ist die Antwort aber eine andere. Und das betrübt mich. Nicht nur die Tatsache, dass ich offenbar häufig nicht glücklich bin. Sondern auch das schlechte Gewissen. Denn eigentlich hätte ich ungemein viele und gute Gründe, um glücklich zu sein. Doch es gelingt mir nicht. Das ist beschämend, nicht wahr?

Kennt ihr Burkina Faso? Natürlich kennt ihr es, und wenn nicht; es ist ein Land im Westen Afrikas. Der Name Burkina Faso bedeutet übersetzt Land der aufrichtigen Menschen oder Land der ehrenwerten Menschen. Das ist vielleicht der schönste Name für ein Land. Aufrichtig, ehrenwert – das sind wunderbare Eigenschaften. Doch der Name führt ein wenig in die Irre, denn auch wenn die meisten Menschen in Burkina Faso aufrichtig und ehrenwert sein dürften, waren und sind es einige nicht. Das hat dazu geführt, dass Burkina Faso lange Jahre zu den ärmsten Ländern der Welt zählte. Und nur weil die Dinge heute ein wenig besser scheinen als in anderen Momenten, bedeutet dies noch lange nicht, dass es dem Land und den Menschen gut gehen würde.

Die Geschichte von Burkina Faso dürfte man im besten Fall als verworren bezeichnen. (Doch welche Geschichte eines Staates, oder auch nur eines Menschen, ist nicht verworren?) Es gab erfolgreiche und erfolglose Putschversuche, es gab Repressionen und kriegsähnliche Zustände, es gab korrupte und autoritäre Politiker. Ich habe einiges über Burkina Faso gelesen, aber dennoch bekunde ich Mühe, die Ereignisse richtig zu bewerten und in die passenden Kontexte zu stellen. Aber eigentlich will ich euch sowieso nicht mit Hintergrundinformationen zu Burkina Faso behelligen. Eigentlich wollte ich nur erklären, woher mein schlechtes Gewissen rührt. Burkina Faso ist schuld. Gewissermaßen. Doch wahrscheinlich geht es überhaupt nicht um Schuld. Es geht eher um Verantwortung. Ich bin nicht verantwortlich für die Zustände in Burkina Faso. Doch ich trage die Verantwortung für mein Tun und Handeln. Und ja, ich möchte etwas tun. Ja, ich möchte handeln. Darum gehe ich nach Burkina Faso. Bald. Vielleicht. Hoffentlich. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet. Aber ich hoffe zumindest, mich selbst dort zu treffen. Eine bessere Version meines Ichs.

Womöglich glaubt ihr, ich sei verrückt. Vielleicht bin ich es auch.

Weiter kommt Nita nicht. Sie lässt den Stift aus der Hand gleiten, lehnt sich zurück und betrachtet die Worte, die sie geschrieben hat. Zunächst schiebt sie das Blatt Papier über den Tisch, schaut zu, wie es sich ein wenig hebt, wenn sie es schnell genug bewegt. Dann greift sie abrupt danach, zerknüllt es in ihren Händen, knurrt beinahe animalisch und wirft die Papierkugel möglichst weit weg von ihr.

Sie will nicht nach Burkina Faso. Burkina Faso macht ihr Angst. Burkina Faso ist ihr ganz persönliches Symbol für ihre eigene Unzulänglichkeit. Burkina Faso bedeutet Land der aufrichtigen Menschen oder Land der ehrenwerten Menschen. Sie ist weder aufrichtig noch ehrenwert. Aber sie ist ein Mensch. Auch wenn das kein Trost sein kann.

Nachdem sie eine Zigarette geraucht hat, hebt sie das zerknüllte Stück Papier wieder hoch und streicht es auf der Tischplatte glatt, setzt sich hin und greift nach dem Stift.

Womöglich glaubt ihr, ich sei verrückt. Vielleicht bin ich es auch. Dass ich genau in jenem Moment, in welchem ich diese Worte schrieb, dieses Blatt Papier so zugerichtet habe, wie es jetzt aussieht, könnte ein Hinweis darauf sein, dass ich tatsächlich verrückt bin. Oder impulsiv, zumindest manchmal.

Ich habe Angst vor Burkina Faso. Nicht vor den Menschen dort, nicht vor Dingen, die mir dort zustoßen könnten. Ich habe Angst davor, was Burkina Faso in mir auslösen würde, wenn ich dort wäre. Denn Burkina Faso, das war immer Sehnsucht, das war Aussicht auf Rettung, eine Art von Rettung. Doch Burkina Faso kann mich nicht retten. Es ist auch nicht die Aufgabe von Burkina Faso, mich zu retten. Und eigentlich muss ich gar nicht gerettet werden. Schon gar nicht von Burkina Faso.

Erneut hält Nita inne, starrt auf das Blatt Papier, das nun geschunden und beinahe ängstlich aussieht, mit seinen Falten und Furchen. Während sie es durch ihre Finger gleiten lässt, wird ihr klar, dass sie den Brief niemals absenden wird. Auch keinen anderen Brief. Sie findet nicht die richtigen Worte, um ihren Eltern zu erklären, was sie denkt und fühlt, wonach sie strebt, wohin es sie treibt. Sie findet nicht einmal die richtigen Worte, um es ihr selbst zu erklären. Sie denkt an Lisa, denkt an das Tagebuch, das sie ihr einst gezeigt hatte.

«Darin schreibe ich alles auf, was mich traurig macht, und sobald es hier drin steht, macht es mich weniger traurig», hatte Lisa gesagt. Nita hatte lediglich gelächelt und genickt.

«Ich habe nun schon seit längerer Zeit nicht mehr in das Buch geschrieben», hatte Lisa erklärt. «Etwa seit jenem Moment, in welchem wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Seither hatte ich keinen Grund mehr, mir etwas Schweres von der Seele zu schreiben.»

Nita ist sich ziemlich sicher, dass Lisa mittlerweile wieder in das Buch geschrieben haben dürfte. Die Schwere, sie war zurückgekehrt, und Nita hatte es zu spät bemerkt. Als Lisa ihr sagte, dass sie die Unverbindlichkeit und Ungewissheit nicht mehr aushalten könne, wusste Nita nicht, was sie erwidern sollte. Sie hätte eigentlich nur die berühmten drei Wörter sagen müssen. Sie wären nicht gelogen gewesen, das glaubte Nita schon damals und weiß es heute nur zu gut. Doch damals hatte sie Angst vor diesen drei Wörtern. Sie hatte Angst vor ihnen, wie sie heute Angst vor Burkina Faso hat.

Nita hebt den Brief hoch, den sie ihren Eltern hatte schreiben wollen, trägt ihn in die Küche. Sie hält ihn an einer Ecke, holt ein Feuerzeug aus einer Schublade und zündet das Papier an. Als die Flammen sich nach oben fressen, lässt sie den Brief ins Spülbecken fallen und schaut zu, wie er allmählich verkohlt. Schließlich lässt sie Wasser einlaufen und beobachtet, wie die Flammen und die Glut zischend ersticken und überschwemmt werden. Irgendwann dreht sie das Wasser ab. Sie hält sich an der Kante des Spülbeckens fest, geht in die Hocke und lässt ihren Kopf gegen das Küchenmöbel prallen, zunächst nur ganz sanft, dann immer heftiger. Als es zum ersten Mal weh tut, ist sie ein wenig irritiert, macht aber trotzdem weiter. Nach einigen Minuten kommt sie sich dumm vor und hört auf.

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