Nita verschwindet

Kapitel 31: Paul sitzt bei seinem Psychotherapeuten auf einem Polsterstuhl, der viel zu breit ist. (März 2014)

«Wie ist es Ihnen ergangen?», fragt Dr. Roth und blickt über seinen Brillenrand. Er ist ein verdammtes Klischee, denkt Paul. Er braucht nicht einmal eine Pfeife und auch keine Couch, auf welcher sich die Patienten hinzulegen haben. Dr. Roth ist genau so, wie Paul sich einen Psychiater stets vorgestellt hatte. Dass er Psychotherapeut und nicht Psychiater ist, klammert Paul aus. Er kann gut ausklammern.

«Ganz gut, danke. Und Ihnen?»

Dr. Roth lächelt. Es ist ein gütiges Lächeln, ein Gandhi-Lächeln, ein klerikales Lächeln, doch es ist gefälscht. Paul weiß, dass Dr. Roth derartige Sprüche nicht sonderlich schätzt, er ist wohl ganz allgemein nicht wirklich angetan von ihm. Doch die Sprüche, seine joviale, umgängliche Art, die Zoten, er kann sie nicht abschütteln, sie sind so sehr Teile von ihm wie das Lächeln, dass er auf Knopfdruck zuschalten kann, und sein regelmäßiges Nicken, wenn Menschen ihm etwas erzählen.

«Sollen wir anfangen», sagt Dr. Roth. Es ist keine Frage.

«Ich dachte, das hätten wir bereits», gibt Paul zurück.

«Gut, gut. Nun. In der letzten Sitzung haben wir über Ihre Kinder gesprochen.»

«Ja.»

«Hatten Sie in der Zwischenzeit Kontakt mit Ihnen?»

«Ja, ich habe sie gesehen. Wir waren im Park, haben Fußball gespielt.»

«Wie war das für Sie?»

«Es war schön. Sehr schön. Ich fühlte mich leichter als sonst.»

«Leichter. Das klingt gut.» Dr. Roth blickt auf seine Notizen. «Haben Sie mit ihnen reden können.»

«Ja. Eher oberflächlich. Aber ich habe gefragt.»

«Was haben Sie gefragt?»

«Das, was Sie beim letzten Mal… beim letzten Mal angesprochen haben. Wie es ihnen geht und worüber sie häufig nachdenken.»

«Und?»

«Sie haben gesagt, es gehe ihnen gut. Meine Tochter meinte, dass es schöner war, als ich noch zu Hause wohnte. Mein Sohn nickte dazu. Mehr wollten sie nicht erzählen.»

«Was hat das in Ihnen ausgelöst?»

Paul rutscht auf dem Polsterstuhl umher. Er ist zu breit, der Polsterstuhl, oder Paul ist zu schmal. Jedenfalls passen der Stuhl und Paul nicht zusammen.

«Ich weiß nicht», erwidert er leise. «Einerseits war es schön, was meine Tochter sagte. Andererseits hat es mich traurig gemacht. Noch trauriger.»

«Hat es Sie enttäuscht, dass Ihr Sohn nichts gesagt hat?»

«Nein. Nichts, was mein Sohn tut, könnte mich enttäuschen.»

Dr. Roth schreibt etwas auf einen Notizzettel. Paul fragt sich, was er notiert. Hat er etwas Außergewöhnliches gesagt? War da eine Auffälligkeit in seinen Worten, ein Hinweis auf eine tief sitzende Wunde? Paul fühlt sich ungewohnt unbeholfen auf seinem viel zu großen Polsterstuhl, beinahe wie ein Kind; er würde gerne aufstehen und die Sitzung in aufrechter Position fortführen, er will sich größer fühlen. Dennoch bleibt er sitzen, drückt lediglich den Rücken durch. Doch die Schultern fallen nach wenigen Sekunden wieder noch vorne, sinken nach unten.

«Möchten Sie heute über Ihre Frau reden?», fragt Dr. Roth, ohne von seinen Notizen aufzublicken.

«Ex-Frau», korrigiert Paul.

«Sie sind geschieden?»

«Auf dem Papier noch nicht, nein.»

«Oh… Nun. Möchten Sie über Ihre Ex-Frau reden?»

«Nein, nicht wirklich.»

«Wissen Sie mittlerweile, warum Sie sich davor verschließen?»

«Nein.»

Erneut notiert Dr. Roth etwas, doch dieses Mal wundert sich Paul nicht, was er schreibt. Er lässt seinen Blick aus dem Fenster fliehen. Am Himmel hängen Wolken. Er überlegt und beobachtet, ob eine davon wie ein Tier aussieht, wie eine Katze vielleicht, oder ein Hase. Doch das sind keine Tiere, keine watteweichen Wesen. Da sind einfach Wolken.

Dass er hier sitzt, liegt an Thomas, einem Parteikollegen. Bei einem gemeinsamen Mittagessen erzählte Paul davon, wie er mit Nita eine Beziehung einging, sie sich aber von ihm trennte, und davon, wie bald darauf auch seine Frau die Ehe beenden wollte, obwohl sie von seinem Verhältnis mit Nita gar nichts wusste. Er schilderte, wie seine Traurigkeit ihn schwanken ließ, dass er sich hilflos fühlte, vollkommen unfähig, sich in den Tagen zurechtzufinden. Thomas fragte ihn, ob er einen Therapeuten habe. Paul verneinte entrüstet, fand die Frage ein wenig unverschämt. Erst einige Sätze später konnte er sich differenzierter mit dieser unverschämten Frage auseinandersetzen. Und fragte zurück, ob Thomas denn einen guten Therapeuten kenne. Dr. Roth war der zweite Psychotherapeut, den Thomas vorschlug. Zuerst hatte er seine eigene Therapeutin genannt, doch Paul war unwohl beim Gedanken, auf der gleichen Couch zu liegen wie sein Parteikollege.

«Ich möchte, dass sie sich auf ein Wort festlegen. Ein Wort, mit dem Sie Ihr Innenleben beschreiben würden.»

«Nur ein Wort, ein einziges Wort?», will Paul wissen.

«Ja, ein Wort.»

Paul lehnt sich zurück, zum ersten Mal in dieser Sitzung. Als ihm diese Tatsache bewusst wird, richtet er sich umgehend wieder auf. Er reibt seine Handflächen über seine Oberschenkel und räuspert sich.

«Leere.»

«Leere?»

«Ja. Leere.»

«War das schon immer so?»

«Nein, natürlich nicht.»

«Was hat die Leere ausgelöst? Was hat Sie leer gemacht?»

Paul will keine Antwort geben. Er blickt zur Uhr, muss aber feststellen, dass die Sitzung erst zehn Minuten andauert.

«Ich weiß nicht», beginnt er. «Angefangen hat es wohl, als Nita ging. Die Frau, von der ich Ihnen erzählt habe.»

«Ja», gibt Dr. Roth mit beinahe mechanischer Stimme zurück.

«Na ja… Und danach fiel alles auseinander, irgendwie.»

«Alles?»

«Ja, alles. Nita war weg, meine Frau sprach plötzlich von Scheidung, obwohl sie gar nichts von meiner Beziehung zu Nita wusste. Meine Kinder wurden immer abweisender. Auch mein Körper veränderte sich, ich fühlte mich plötzlich so alt und schwach, so schwerfällig. Ich weiß, dass ich immer wieder an meinen Großvater dachte. Er ist in einem schäbigen Altersheim gestorben, ist elendig verreckt, und jedes Mal, wenn ich ihn vor seinem Tod besucht habe, zusammen mit meinen Eltern, tat er mir so leid. Ich hätte ihn am liebsten mitgenommen, zu uns nach Hause. Er sah so kaputt und unglücklich aus. Und so, wie er damals aussah, fühlte ich mich. Dann wurde ich auch noch abgewählt, das Geld wurde immer knapper. Ich habe Ihnen das alles ja schon erzählt.»

«Ja, aber nicht in diesen Worten.»

«Okay.»

«Das ist wichtig. Dass Sie Ihre Geschichte erzählen, immer wieder neu erzählen.»

«Ich mag sie nicht immer wieder erzählen.»

«Es ist Ihre Entscheidung.»

«Nun, jedenfalls… Wie war die Frage?»

«Was die Leere in Ihrem Innern ausgelöst hat.»

«Ach ja. Eben. All das.»

«Und Ihre Kinder? Können sie diese Leere füllen?»

«Zum Teil, ja. Aber nicht alles. Natürlich nicht alles. Dass ich sie nur selten sehe, macht es nicht besser.»

Paul starrt auf seine Fingernägel. Früher hat er seine Nägel sorgsam gepflegt, hat sie regelmäßig geschnitten und die Ecken abgefeilt, hat den Dreck unter ihnen mit einer Messerspitze entfernt. Jetzt sind die Fingernägel viel zu lang, es zeigen sich dunkle Ränder, die Nagelhaut ist aufgerissen. Da sind viele Unterschiede zwischen dem Früher und dem Jetzt. Nicht alle sind so augenscheinlich wie die Fingernägel.

«Möchten Sie über Nita reden?», unterbricht Dr. Roth seine Gedanken.

«Von mir aus.»

«Welche Gefühle empfinden Sie ihr gegenüber?»

«Ich vermisse sie.»

«Wann zeigt sich das?»

«Meistens dann, wenn ich im Bett liege. Wenn alles ruhig ist. Dann kann ich sie sehen, kann sie hören.»

«Was sagt sie?»

«Ich weiß nicht. Ich höre einfach ihre Stimme.»

«Und was löst diese Stimme in Ihnen aus?»

«Sehnsucht», gibt Paul nach kurzem Zögern zurück.

«Sehnsucht nach Nita oder Sehnsucht nach den Gefühlen, die sie in Ihnen auslöste?»

«Sehnsucht nach Nita. Und nach den Gefühlen. Wahrscheinlich nach allem, was mich damals so lebendig fühlen ließ.»

«Haben Sie sich nicht so lebendig gefühlt, als Sie Ihre Frau kennengelernt haben?»

«Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Das ist ziemlich weit weg.»

«Und Nita ist nicht so weit weg?»

«Nein. Sie ist ganz nah. Trotzdem kann ich sie nicht erreichen.»

«Was würden Sie ihr sagen, wenn sie hier vor Ihnen stehen würde?»

«Ich weiß es nicht.»

«Sie wissen es nicht?»

«Nein. Ich weiß es nicht.»

Paul denkt an die Worte, die Nita ihm sagte, als sie sich von ihm trennte. Es ist die falsche Zeit, und vielleicht bin ich die falsche Frau. Er widersprach, widersprach so heftig wie möglich, doch sie mochte nichts mehr hören. Wenn sie hier und jetzt vor ihm stehen würde, wüsste er wohl noch immer kein ausreichendes Argument, um ihr zu verdeutlichen, dass es nicht die falsche Zeit war. Und dass sie womöglich nicht alles für ihn war. Aber sehr viel. Und ganz bestimmt nicht die falsche Frau. 

Dr. Roth hat seinen Kopf schräg gelegt und blickt ihn an.

«Woran denken Sie?», will er wissen.

«Das Wort vorher. Es ist vielleicht doch nicht Leere.»

«Ach ja? Welches Wort ist es denn?»

«Reue.»

«Reue?»

«Ja, Reue.»

«Was bereuen Sie?»

«Ach», gibt Paul zurück. «Alles und nichts. Alles und nichts.»

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