Nita verschwindet

Kapitel 29: Hugo sagt zu Maria, dass er Käsesauce nicht möge und dass er nicht aufgeben werde, ihre Tochter zu suchen. (August 2016)

«Hugo? Bist du das?»

«Wer sollte es sonst sein?», gibt Hugo ärgerlich zurück und zieht die Haustür hinter sich zu. Maria kommt aus der Küche geeilt und drückt ihm den gewohnten Kuss auf die Lippen.

«Ich wusste nicht, wann du zurückkommst.»

«Jetzt weißt du‘s.»

***

«Was gibt es zum Abendessen?», fragt Hugo mit matter Stimme.

«Spaghetti mit Käsesauce. Die magst du doch so gerne.»

«Ich mag Käsesauce nicht.»

«Was? Das stimmt doch nicht!», ruft Maria entrüstet. «Du hast Käsesauce immer gemocht!»

«Vielleicht habe ich mal gesagt, dass sie gut schmeckt. Doch eigentlich mag ich Käsesauce nicht.»

«Und ich habe sie nur für dich gekocht.»

«Na dann.»

«Ich kann sie auch wegschütten.»

«Ist schon okay.»

«Aber… Ich bin sicher, dass du Käsesauce immer sehr gern gegessen hast.»

«Nein, nicht wirklich.» Hugo zuckt mit seinen Schultern und blickt Maria an. Sie weicht seinem Blick aus und wischt sich die Hände an ihrer Hose ab, obwohl die Hände weder nass noch schmutzig sind.

***

«Wie war das Hotel?», will Maria wissen.

«Ein Hotel eben. Normal. Kleines Zimmer, kleiner Balkon, aber sauber.»

«Nächstes Mal könnte ich ja mitkommen.»

«Warum willst du mitkommen? Du kannst doch in Hotels sowieso nicht gut schlafen.»

«Es geht ja nicht um das Hotel.»

«Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee wäre. Ich weiß nicht einmal, ob es ein nächstes Mal geben wird.»

«Willst du aufgeben?»

«Nein, natürlich will ich nicht aufgeben. Ich höre erst auf, wenn wir Anita gefunden haben.»

«Und wenn… Wenn wir sie nicht finden?»

«Wir finden sie, Maria. Wir finden sie. Ich finde sie.»

«Versprichst du es mir?»

«Ach, Maria.»

«Was denn?»

«Ich kann es dir nicht versprechen. Das weißt du genau.»

«Aber…»

«Ich verspreche dir, dass ich nicht aufgeben werde. Das kann ich versprechen.»

«Gut. Ja, gut. Danke.»

***

«Ja, ich war bei Hanna. Sie war zu Hause, zusammen mit ihrem kleinen Sohn. Süßer Junge. Strohblond.»

«Hat sie etwas erzählen können?»

«Nicht viel. Sie hat seit Wochen oder sogar Monaten nichts mehr von Anita gehört. Aber wir haben über frühere Zeiten geredet.

«Worüber habt ihr denn gesprochen?»

«Über Anita halt. Darüber, wie sie früher war. So lebendig und aufgeweckt. Hanna hat ein Wort benutzt… Ich weiß nicht mehr… Neugierig? Nein, nicht neugierig… Aber so ähnlich.»

«Offen?»

«Nein, nicht offen… Na ja, egal…»

«Und sonst?»

«Keine Ahnung… Wir haben uns darüber unterhalten, was geschehen sein könnte.»

«Was meinte Hanna denn?», will Maria wissen.

«Sie sagte, sie könne sich vorstellen, dass Anita in ein Dritt-Welt-Land gereist sei. Sie habe oft davon gesprochen.»

«Ja, sie hat einige Male etwas gesagt, das stimmt. Aber warum sollte sie einfach gehen, ohne uns Bescheid zu sagen?»

«Darauf wusste Hanna auch keine Antwort.»

«Anita hätte doch sicher etwas gesagt, oder?»

«Ich denke schon, ja. Aber sie hat nichts gesagt. Und ist dennoch verschwunden.»

«Glaubst du…»

«Was?», fällt ihr Hugo ungewohnt laut ins Wort. «Dass sie tot ist?»

«Ich weiß nicht. Glaubst du denn, dass sie…?»

«Woher soll ich denn das wissen? Verdammt, ich suche sie in der ganzen Stadt, ich drehe jeden verdammten Stein um! Ich weiß nicht, wo sie ist! Aber wenn ich glauben würde, dass sie tot ist, würde ich das alles sicher nicht tun!»

«Schrei doch nicht so.»

«Ich… Ich könnte den ganzen Tag schreien, verstehst du? Verstehst du?»

«Und ich könnte den ganzen Tag weinen!», gibt Maria zurück und fängt prompt damit an.

«Ach Maria! Ach… Jetzt weine doch nicht.»

***

«Woran denkst du?»

«Nichts», erwidert Hugo mit grummelnder Stimme.

«Ich glaube dir nicht, dass du an nichts denkst.»

«Wenn du so genau weißt, woran ich denke, braucht du ja nicht zu fragen.»

***

«Warum hast du nicht angerufen?», fragt Maria, während sie sich ein Glas Wein einschenkt.

«Was hätte ich denn sagen sollen?»

«Was weiß ich? Wie es dir geht. Was du gemacht hast. Ob du etwas herausgefunden hast. Solche Dinge eben.»

«Wenn ich etwas herausgefunden hätte, dann hätte ich auch angerufen. Doch ich habe nichts herausgefunden. Also habe ich nicht angerufen.»

«Du hättest einfach erzählen können, wie es dir geht.»

«Mir geht‘s beschissen. Was nützt es dir, wenn ich dich anrufe und dir erzähle, dass ich mich beschissen fühle?»

«Wir hätten uns beide beschissen fühlen können. Gemeinsam, verstehst du?»

«Das bringt doch nichts.»

«Mir hätte es etwas gebracht. Es hätte mich getröstet.»

«Mich nicht.»

***

«Was war nun eigentlich mit jener Frau, von der Anitas Mitarbeiter erzählt hatte?»

«Welche Frau?»

«Du hast doch erwähnt, dass einer von Anitas Arbeitskollegen von einer Frau gesprochen habe, die vielleicht mehr über Anita erzählen könnte.»

«Ach so. Ja.»

«Wie war nochmals ihr Name?»

«Lisa. Lisa Schneider.»

«Hast du sie gefunden?»

«Ja, ich habe sie gefunden.»

«Echt?»

«Ja. Ich habe alle Lisa Schneiders angerufen, die im Telefonverzeichnis zu finden waren. Eine davon kannte Anita.»

«Und?»

«Was, und?»

«Hast du mit ihr gesprochen.»

«Nein, nicht wirklich.»

«Nein?», erwidert Maria verwundert. «Warum nicht?»

«Sie hatte keine Zeit. Als ich sie fragte, ob sie etwas über Anita wisse, sagte sie, dass sie sich auf den Weg zum Flughafen machen müsse. Ich solle mich melden, wenn sie wieder zurück sei.»

«Wann ist sie denn zurück?»

«Das konnte sie nicht genau sagen. Vielleicht in einem Monat.»

«In einem Monat? Wohin wollte sie denn fliegen?»

«Afrika. Sie nannte auch eine Stadt. Ich hatte aber keine Ahnung, wo diese Stadt liegt.»

«Afrika? Vielleicht in ein Dritt-Welt-Land?»

«Diesen Gedanken hatte ich auch.»

«Und?»

«Ich weiß es nicht, Maria. Ich weiß es einfach nicht.»

«Aber das wäre doch möglich, oder? Dass Anita in dieser afrikanischen Stadt ist und diese Lisa nun hinfliegt, um sie zu besuchen?»

«Natürlich wäre das möglich. Aber dann hätte diese Lisa Schneider bestimmt gesagt, dass sie zu Anita fliegt.»

«Vielleicht wollte Anita nicht, dass jemand davon erfährt.»

«Warum sollte sie das wollen, Maria? Warum?»

«Ich weiß es doch nicht!»

«Glaubst du denn, Anita hätte Angst gehabt, uns davon zu erzählen, wenn sie tatsächlich nach Afrika gereist wäre?»

«Wer weiß? Wir haben sie diesbezüglich nicht wirklich unterstützt.»

«Was soll das heißen?»

«Na ja, wir haben uns nicht wirklich dafür interessiert, als sie davon gesprochen hat, oder etwa doch?»

«Hm.»

«Und einmal, als sie darüber sprach, hast du sie gefragt, was sie denn in Afrika wolle?»

«Was?»

«Ja, Hugo. Du hast gesagt: Was willst du denn in Afrika? Ich weiß es noch genau.»

«Warum sollte ich das fragen?»

«Das weiß ich doch nicht. Sag du es mir.»

«Ich habe so etwas ganz bestimmt nicht gesagt!», empört sich Hugo.

«Doch.»

«Nein.»

«Doch.»

«Ach.»

***

«Ist es meine Schuld?»

«Ach, Hugo.»

«Nein, sei ehrlich. Ist es meine Schuld?»

«Warum sollte es deine Schuld sein?»

«Ich habe sie enttäuscht.»

«Was?»

«Ich habe sie enttäuscht.»

«Warum glaubst du, sie enttäuscht zu haben?»

«Ich war wohl kaum der Vater, den sie gebraucht hätte, oder etwa doch?»

«Nun, ich weiß nicht, welchen Vater sie gebraucht hätte. Aber ich denke, sie war froh, dass sie dich hatte.»

«Ich weiß nicht.»

«Ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, dass sie unzufrieden darüber war, dich als Vater zu haben.»

«Ich habe ihr nie sagen können, wie sehr ich sie liebe.»

«Das stimmt. Aber sie hat es sicher gewusst. Sie weiß es immer noch.»

«Bist du dir sicher?», fragt Hugo und sieht einen Moment lang aus wie ein ängstlicher Junge.

«Ja, natürlich.»

«Woher willst du das wissen?»

«Keine Ahnung. Ich weiß es einfach.»

«Ich bin mir nicht sicher.»

«Ich schon.»

***

«Warum hörst du nicht auf?»

«Womit?», erwidert Hugo.

«Sie zu suchen.»

«Ich kann nicht aufhören. Das weißt du genau.»

«Aber es macht dich fertig.»

«Ja. Aber wenn ich sie nicht suchen würde, wäre es noch viel schlimmer. Es würde es mich noch viel heftiger fertig machen.»

«Ich bin froh, dass du nicht aufhörst, weißt du?»

«Dann ist ja gut.»

***

«Bist du müde?»

«Ich bin immer müde. Seit Wochen. Aber ich kann kaum schlafen.»

«Geht mir ähnlich.» Maria greift in der nächtlichen Dunkelheit hinüber zu Hugos Seite des Bettes, legt ihre Hand auf seine Wange. Er greift danach, doch er schiebt sie nicht weg.

«Manchmal zweifle ich daran, Anitas Stimme noch einmal hören zu können, sie noch einmal sehen zu dürfen. Und diese Vorstellung, dass sie einfach nicht mehr da ist, sie höhlt mich aus.»

«Ich weiß.»

«Ich halte das nicht mehr aus.»

«Doch. Du hältst das aus. Ich auch. Wir halten das aus. Weil es nicht anders geht.»

Hugo atmet aus, und Maria weiß, dass er weint. Doch sie sagt nichts, spricht ihn nicht darauf an. Er drückt ihre Hand, und sie drückt zurück.

«Wir schaffen das», flüstert Maria. «Wir finden sie.»

Hugo schweigt. Aber er dreht sich nicht weg.

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