Nita verschwindet

Kapitel 28: Nita sagt zu Hanna, dass ihr Gesicht ein schlechter Lügner sei. (Juni 2009)

«Ein Glas Weißwein», sagt Nita, als der Kellner sich zu ihr an den Tisch stellt. Sie blickt ihn kaum an. Sie weiß, wie er aussieht. Er ist hübsch, irgendwie, mit einem schmalen Gesicht und schwarzem Haar. Die Nase ist ziemlich groß und ein wenig schief, aber sie passt ins Gesicht, passt an diesen Ort, an welchem man Deviationen und Windschiefheiten toleriert, sie sogar achtet, solange sie sich in Grenzen halten und nicht ausufern. An anderen Tagen hätte Nita vielleicht Gefallen an diesem Kellner und seiner schiefen Nase gefunden, hätte sich sogar auf eine kleine Koketterie eingelassen, doch heute ist keiner dieser Tage. Sie blickt ihm nach, wie er zurück zum Tresen geht, und fragt sich, ob er sich zu ihr umdrehen wird. Es würde ihr nichts bedeuten, es würde nichts beweisen, nichts widerlegen. Sie wundert sich lediglich, ob er es tun wird, bekundet ein rudimentäres Interesse am generellen Fortgang der Dinge. Als der Kellner wieder hinter dem Tresen steht und noch immer keinen Blick in ihre Richtung geworfen hat, starrt sie verdrießlich zu Boden.

«Bist du schon lange hier?», hört sie Hanna fragen und zuckt zusammen.

«Ein Glas Wein lang», gibt Nita zurück.

«Also noch nicht allzu lange», sagt Hanna und setzt das Grinsen auf, das ihr Gesicht schon immer wie jenes eines kleinen Jungen hat wirken lassen.

«Wie geht‘s dir?», will Nita wissen, nachdem sich Hanna gesetzt hat.

«Gut», erwidert Hanna und klingt dabei so, als wäre ihre Antwort authentisch und ehrlich. Sie bestellt beim Kellner mit der krummen Nase ebenfalls ein Glas Weißwein, und im Gegensatz zu Nita schenkt Hanna ihm ein Lächeln, wechselt sogar einige Worte mit ihm. Sein Gesichtsausdruck nimmt leicht hündische Züge an, findet Nita. Als sie Hanna dies mitteilt, schaut sie diese nur verständnislos an.

«Wie geht‘s deiner Mutter?», wechselt Nita rasch das Thema, obwohl es ihr nicht wirklich mehr behagt, über den Brustkrebs von Hannas Mutter zu reden als über ihre eigenen zynischen Beurteilungen von rudimentär bekannten Männergesichtern mit krummen Nasen.

«Nicht allzu gut. Der Arzt sagt, dass er die ganze Brust entfernen muss, weil sich der Krebs bereits ausgebreitet hat.»

«Scheiße», stößt Nita hervor, weil ihr nichts anderes einfällt.

«Kannst du laut sagen.»

«Wie nimmt sie es auf?»

«Du kennst ja meine Mutter. In einem Moment nimmt sie es locker, ist optimistisch, macht ihre Späße. Im nächsten Moment steht sie in Gedanken mit einem Bein im Grab und will sich von der ganzen Welt verabschieden. Sie fährt Achterbahn. Wie immer.»

«Und dein Vater?»

«Er ist toll. Wirklich. Er war ja bisher stets im Hintergrund, hat sich rausgehalten, wenig geredet. Jetzt ist er da, übernimmt Verantwortung, packt Dinge an. Und er kümmert sich aufopfernd um meine Mutter, gerade so, als hätte er nie etwas anderes getan. Wenn diese ganze Sache auch nur im Entferntesten etwas Gutes mit sich gebracht hat, dann die Wiedergeburt meines Vaters. Ich lerne ihn gerade von einer gänzlich neuen Seite kennen.»

«Das klingt sehr schön», sagt Nita leise

«Es ist schön. Verdammt schön.»

Hanna trinkt ihr Weinglas leer und starrt auf einen Punkt auf dem Tisch. Dann bestellt sie zwei weitere Gläser Wein.

Sie wünscht ihrer Mutter natürlich keine Krebserkrankung. Doch wenn dadurch ihr Vater an Kontur gewinnen würde, wenn er sich von seiner Lethargie befreien und sein Ich vermehrt nach außen wenden könnte, dann… Nita presst ihre Lippen zusammen.

Als sie davon erzählt, dass sie mit Milena an den Comer See fahren wolle, ist Nita überrascht, wie unwirsch Hanna darauf reagiert. Zwar hat sie mit einem gewissen Grad an Enttäuschung gerechnet, nicht aber mit jener Bitternis, die sich in tiefen Furchen in Hannas Gesicht zeigt.

«Was ist los?», will Nita wissen.

«Nichts», erwidert Hanna.

«Ja, klar.»

«Was denn?»

«Es ist nicht nichts. Deine Stimme sagt nichts. Dein Gesicht erzählt eine ganz andere Geschichte.»

«Ach, mein Gesicht.»

«Ja, dein Gesicht. Es ist ein schlechter Lügner. Deine Augen sowieso.»

Hanna macht sie zu, die Augen. Dreht es weg, das Gesicht. Nita zuckt mit den Schultern und nippt am Weinglas, das der Kellner mit der krummen Nase soeben hingestellt hat.

«Na ja, ich frage mich nur, warum du mich nicht gefragt hast», sagt Hanna ungewohnt leise.

«Was gefragt?»

«Wegen der Reise. An den Comer See.»

«Darum geht es?» Nita spielt die Überraschung ein wenig zu exaltiert. Sie bemerkt es und räuspert sich. «Nun, Milena hat mich gefragt. Sie hat nicht gefragt, ob ich noch andere Leute kenne, die ebenfalls dabei sein möchten.»

«Bin ich andere Leute?», fragt Hanna mit betont gleichgültiger Stimme.

«So meinte ich das nicht, und das weißt du auch.»

«Ich weiß nicht, was ich weiß.»

Während Hanna damit beschäftigt ist, den Fußboden zu mustern, blickt Nita sie an. Es ist erstaunlich, wie sehr sich ein Gesicht verändern kann; im Verlauf der Jahre, doch auch im Verlauf eines Abends, innert weniger Minuten. Nita tut sich schwer damit, die Zartheit, Wärme und Liebenswürdigkeit in Hannas Antlitz zu erkennen. Sie versucht, die Gesichtszüge zu entziffern, doch Nase, Mund, Augen und Wangenknochen vermengen sich zu einem unfreundlichen Kauderwelsch, den Nita nicht zu verstehen vermag.

«Wer ist denn diese Milena überhaupt?»

«Ich kenne sie von der Abendschule. Sie saß neben mir.»

«Milena. Klingt irgendwie russisch.»

«Kroatisch. Ihre Eltern stammen aus Kroatien.»

«Warum denn eine Kroatin?»

Nita blickt Hanna prüfend an, wundert sich über den ungewohnten Unterton.

«Der Rassismus steht dir nicht», sagt sie nach kurzem Zögern.

«Ich bin nicht rassistisch!», empört sich Hanna.

«Wie du meinst.»

Als Hanna aufsteht und zur Toilette geht, blickt Nita ihr nach. Dein Hintern steht dir auch nicht, denkt sie. Früher fand sie Hanna als Frau durchaus aufregend, war bisweilen neidisch auf die Nonchalance und die Selbstverständlichkeit, mit welcher sie ihren Körper bewegte. Nichts an ihr wirkte inszeniert, nichts war aufgesetzt. Was auch immer sie trug und wie auch immer sie sich in die Räume stellte, sie war einfach Hanna; sie war nahezu erschreckend authentisch. Und vielleicht ist sie es noch heute. Doch Nita zweifelt. Sie misstraut dieser Echtheit, diesem Freimut, sie glaubt, immer wieder Anzeichen zu erkennen, dass Hanna nichts anderes tut als Nita; sie spielt eine Rolle. Womöglich war sie darin stets viel zu gut, als dass Nita es hätte erkennen können, oder Nita war zu unfähig, das Schauspiel als solches zu entlarven. Sie weiß nicht, welcher dieser Aspekte sich nun verändert hat. Auf jeden Fall verändert hat sich der Blick, mit welchem Nita sie betrachtet. Als Hanna von der Toilette zurückkehrt, greift Nita rasch nach ihrem Weinglas, um beschäftigt zu wirken.

«Wie läuft es mit Philipp?», erkundigt sich Nita. Philipp ist Hannas Freund, schon seit vier Jahren sind sie zusammen. Er ist ein durchaus hübscher Mann, doch er ist so langweilig und biedern und hölzern, dass Nita noch zu Beginn der Beziehung davon überzeugt war, dass Hanna ein ironisches Statement zu setzen versuchte. Mittlerweile zweifelt sie nicht mehr daran, dass es Hanna ernst ist. So ernst, dass sie begonnen hatte, mehr oder weniger laut über das Heiraten und die Familienplanung zu sinnieren.

«Sehr gut. Richtig gut», erwidert Hanna mit Nachdruck. Nitas Augenrollen dürfte ihr kaum entgangen sein.

«Schön.»

«Warum störst du dich eigentlich daran?», will Hanna wissen und versucht, ihrer Mimik eine gewisse Beiläufigkeit zu verleihen.

«Woran störe ich mich denn?»

«Na ja, an Philipp, an unserer Beziehung.»

«Ich störe mich doch nicht daran», gibt Nita zurück und wirkt dabei wohl empörter, als ihr lieb ist.

«Wie du meinst.» Hanna zuckt mit ihren Schultern. «Manchmal habe ich den Eindruck, dass es dir missfällt, dass ich glücklich bin.»

«Quatsch!», widerspricht Nita und muss dieses Mal die Empörung nicht vorgaukeln. «Ich freue mich, wenn du glücklich bist. Unbedingt! Aber manchmal wundere ich mich, was mit der alten Hanna geschehen ist. Ich weiß nicht, ob es an Philipp liegt. Vielleicht nicht, vielleicht hättest du dich auch ohne ihn auf diese Weise entwickelt. Doch seit ihr zusammen seid, hast du dich verändert. Und damit bekunde ich wohl manchmal Mühe.»

«Wie habe ich mich denn verändert?», fragt Hanna und kann ihr Befremden nicht verbergen.

«Ich weiß nicht. Du bist ruhiger geworden.»

«Und das ist schlecht?»

«Nein, nicht schlecht. Aber anders.»

«Ruhiger. Okay. Und sonst?»

«Na ja, vielleicht ist ruhiger auch das falsche Wort. Seriöser vielleicht. Ernsthafter.»

«Ernsthafter? Oder erwachsener?»

«Erwachsen warst du schon vorher.»

«Langweilig?»

«Nein, das nicht», gibt Nita zurück und ist sich bewusst, dass ihr Zögern zu lange gedauert hat.

«Okay.»

«Ach komm!» Nita grinst in ihre Richtung, doch Hanna blickt auf die Tischplatte. Nita überlegt sich, wie sie das Gespräch wieder auf leichteres Terrain bewegen könnte. Ein lapidarer Spruch legt sich auf ihre Zunge, doch bevor sie ihn entweichen lassen kann, räuspert sich Hanna.

«Natürlich habe ich mich verändert», beginnt sie. «Und ich sehe nicht ein, warum dies schlecht sein sollte.»

«Ich habe nicht gesagt, dass es schlecht sei.»

«Okay. Wie auch immer. Jedenfalls, es ist nicht schlecht. Es ist sogar notwendig. Man kann nicht immer genau die gleiche Person bleiben. Man kann nicht immer am selben Ort verharren. Man kommt nur weiter, wenn man weitergeht.»

«Das klingt nach einem dieser motivierenden Sinnsprüche auf Zuckerverpackungen oder Teebeuteln.»

«Na und?», bellt Hanna ungewohnt kehlig. «Dann steht er eben da, der Spruch. Dann ist er halt ein verdammtes Klischee, eine Phrase! Trotzdem ist er wahr. Ich will mit fünfzig nicht mehr so sein wie mit zwanzig. Ich will schon jetzt nicht mehr so sein wie mit zwanzig.»

«Ich doch auch nicht», wirft Nita kleinlaut ein, doch Hanna geht nicht darauf ein.

«Menschen verändern sich. Das ist ganz normal, und es ist gesund. Man muss solche Veränderungen nicht immer mit beißendem Zynismus quittieren.»

«Aber…»

«Ich werfe dir ja auch nicht vor, dass du dich in den vergangenen Jahren nicht verändert hast, oder? Dass du immer noch am gleichen Ort stehst wie 2004 oder 2005. Dass du einfach vor dich hin lebst, ohne dir Gedanken zu machen, was die Zukunft bringt.»

«Warum glaubst du, dass ich mir diese Gedanken nicht mache?»

«Ich weiß nicht», erwidert Hanna. «Machst du sie dir?»

«Natürlich. Natürlich mache ich mir solche Gedanken. Natürlich überlege ich, wo ich in fünf Jahren sein werde, in zehn Jahren, in zwanzig. Aber im Moment bin ich hier. Ich bin im Jetzt. Und jetzt will ich einfach leben.»

«Okay. Das verstehe ich, und ich will es dir ja auch nicht ausreden. Ich akzeptiere und respektiere es.»

«Dann ist ja gut», grummelt Nita.

«Aber ich bin anders. Ich lebe so, wie ich leben will, und das ist – zumindest im Moment – wohl anders als du leben willst. Du musst es nicht gutheißen. Aber ich fände es schön, wenn du es akzeptieren könntest. Akzeptieren und respektieren.»

Nita schaut Hanna an. Ihre Freundin ist tatsächlich alt geworden. Nicht einfach erwachsen und seriös. Sondern alt. Nita erinnert sich an einen Moment am Waldrand, als Hanna und sie zum ersten Mal Marihuana geraucht hatten. Sie lachten wie kleine Mädchen, dann kippten sie ins Gras, kicherten weiter. Irgendwann umarmte Hanna sie und sagte ihr mit verschwörerischem Klang in der Stimme, wie dankbar sie sei, dass sie ihre ersten Erfahrungen mit dem Kiffen mit ihr hatte machen dürfen. In jenem Moment fühlte sich Nita so wertvoll wie wohl noch nie zuvor.

Heute würde Hanna nicht mehr mit ihr kiffen. Seit sie über ihren Kinderwunsch redet, hat sie sogar mit dem Rauchen aufgehört. Nita weiß nicht genau, wie sie sich deswegen fühlen soll. Vielleicht fehl am Platz. Merkwürdig sowieso. Wertvoll aber ganz bestimmt nicht.

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