Nita verschwindet

Kapitel 17: Thom ist sich nicht mehr sicher, ob Nita die Narbe an seiner Stirn gestreichelt hat. (Juni 2013 / Juli 2002)

Ihm ist zuvor noch nie aufgefallen, dass die kleine Narbe auf seiner Stirn aussieht wie ein Ausrufezeichen. Als kleiner Junge war er mit dem Fahrrad gestürzt und mit dem Kopf auf einen Stein geprallt. Er weinte erst, als er spürte, wie das Blut über seine Wangen rann. Seine Mutter brachte ihn zum Arzt, der die Wunde mit eiligen Stichen zunähte. Er kann sich noch an die Frisur des Arztes erinnern, aber nicht an die Frisur seiner Mutter.

Damals war Thom seltsam stolz auf die Narbe. Heute findet er sie lächerlich. Er ist 33 Jahre alt, ein wenig zu dick, ein wenig zu schwerfällig, sein Gesicht wirkt vor allem am Morgen stets leicht aufgedunsen. Ein Ausrufezeichen auf der Stirn ist zweifellos ein falsches Signal. Er reibt seinen Zeigefinger über die unebene Stelle, energisch und mit heftigem Druck, doch die Narbe lässt sich nicht entfernen.

Er erinnert sich daran, wie Nita die Narbe streichelte. Ihre weichen, warmen Finger glitten über seine Stirn, sie murmelte etwas mit ihrer tiefen Stimme, dann drückte sie ihre Lippen auf die Narbe, küsste sie weg, wie es schien. Er lächelt und spürt, wie das Blut vorübergehend wärmer durch seinen Körper fließt. Dann denkt er daran, dass er sich vielleicht nicht richtig erinnert. Dass es nicht so gewesen ist. Dass sie die Narbe nie geküsst, sie vielleicht nicht einmal gestreichelt hat. Er kann ihnen nicht trauen, den Erinnerungen an Nita, das weiß er mittlerweile.

***

Kennengelernt hatten sie sich über Hanna. Thom und Hanna arbeiteten aushilfsweise im gleichen Kaffeehaus und rauchten die gleiche Zigarettenmarke, was an Gemeinsamkeiten genug war, um sich anzufreunden. Hanna war warmherzig und witzig, sie war eine jener Frauen, mit der man gut Bier trinken und über jene Leute in der Stadt lästern konnte, die noch lächerlicher und erbärmlicher aussahen als sie selbst.

Hanna war durchaus hübsch, und Thom mochte es, dass man sie in den Arm nehmen konnte, ohne dass sie sich verkrampfte. Er schätzte ihre Freundschaft, war sich aber auch sicher, dass sich diese Freundschaft nicht auf eine Liebesbeziehung umdeuten ließe. Eines Abends, als sie beide sehr betrunken waren, hatten sie sich geküsst, warum auch immer. Doch eins führte nicht zum anderen; stattdessen grinsten sie sich an, umarmten sich und tranken weiter. Hanna war ein Kumpel. Und Thom wollte auch gar nicht, dass sich das änderte.

Als Hanna ihm Nita vorstellte, war sie ihm zunächst gar nicht sonderlich sympathisch. Zwar sah sie zweifellos sehr gut aus, doch sie wirkte distanziert und kühl, schien sich mehr um ihre dunkelbraunen Haare zu kümmern als um Mitmenschen. Wenn Nita sprach, blickte sie häufig auf eine Stelle im Raum, an der nichts und niemand war. Trotzdem verbrachten sie einen Abend zusammen, tranken Cola-Rum und Wodka-Orange, rauchten zu viele Zigaretten und saßen irgendwann nach Mitternacht zu dritt in einem Park und redeten. Und in jenem Park, in nahezu völliger Dunkelheit, begann er, sich in Nita zu verlieben. Sie war intelligent, sie war humorvoll, und die anfängliche Distanziertheit schien vor allem in einer gesunden Zurückhaltung zu wurzeln, die sie aber, wohl nicht zuletzt auch dank des Alkohols, spätestens im Park abgelegt hatte. Als sie nebeneinander im Gras lagen und hinauf zu den Sternen blickten, sagte Nita irgendwann, dass dies ein Moment wäre, an den sie sich vielleicht in zwanzig Jahren erinnern würden, voller Wehmut und einem warmen Gefühl im Bauch. Thom sagte, dass er das warme Gefühl schon jetzt spüren könne, und war selbst überrascht darüber, dass es tatsächlich so war. Hast du dir auf den Bauch gepisst?, fragte Hanna, und sie lachten, doch einige Sekunden später berührte Nitas Hand Thoms Hand und keiner der beiden glaubte, dass es zufällig geschah.

Nita hatte eine beträchtliche Menge an Erfahrungen mit Männern gemacht, ganz im Gegensatz zu den nahezu tollpatschigen Versuchen von Thom, sich im Umgang mit Frauen zu gebärden. Er war zwanzig Jahre alt, und abgesehen von zwei, vielleicht drei rudimentären und allzu kurzen Beziehungen war er in Liebesdingen ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. In seinen Gedanken war er jedoch deutlich weiter. Wenn er nachts in seinem Bett lag und masturbierte, dachte er nicht einfach daran, mit einer Frau zu schlafen. Er stellte sich vor, wie er der entsprechenden Frau seine sexuelle Macht demonstrierte, wie er ihr zeigte, welche Kraft er in seinem lüsternen Appetit zu entfalten vermochte. Bisweilen waren ihm seine eigenen Gedankengänge unangenehm, immer wieder musste er sich versichern, dass niemand ihn dabei beobachten oder aufzeichnen könne.

Als sich Thom und Nita zu ihrer ersten Verabredung zu zweit trafen, war er noch zurückhaltender als gewohnt. Er wagte nicht, Nita zu berühren, scheute jeden Blickkontakt. Zwar war er glücklich darüber, mit ihr dort in jener kleinen alternativen Kneipe zu sitzen und Rotwein zu trinken, er fühlte sich seltsam reif und erwachsen. Doch etwas schien ihm abwegig, etwas wirkte fehl am Platz. Er blickte immer wieder auf ein Gemälde, das schief an der Wand hing. Es zeigte ein Haus mit vielen Fenstern, und aus jedem dieser Fenster blickte ein Mensch, und wie Thom dort saß, in jener Kneipe, angestarrt von all diesen gemalten Menschen, glaubte er sich beobachtet, wie ein Affe im Zoo. Jedes Mal, wenn er versuchte, seine Hand zentimeterweise in die Richtung von Nita zu bewegen, ging sein Blick unweigerlich zu den Menschen in den Fenstern. Hastig zog er seine Hand zurück oder erstarrte in der Bewegung, gerade so, als hätte man ihn ertappt.

Am Ende des Abends fragte ihn Nita, ob er unglücklich sei. Er protestierte heftig, vielleicht zu heftig, denn sie blickte ihn skeptisch an. Als sie sich verabschiedeten, entschuldigte sich Thom, ohne zu wissen, wofür.

Die zweite Verabredung verlief entspannter, und beim dritten Treffen küssten sie sich. Nitas Lippen schmeckten nach Pfefferminz, und Thom konnte nicht genug von ihnen kriegen. Überhaupt schien Nita in ihm eine neue Sichtweise auf Frauen, auf Menschen zu eröffnen. Das Diffuse und Verschwommene seiner Jugend wich allmählich einem klaren Blick, einer ungewohnte präzisen Wahrnehmung.

Er betrachtete jeden Quadratzentimeter ihres Körpers. Er blickte auf die Nagelbetten an ihren Fingern, auf die Falten in der Armbeuge, in die braunen Augen mit der tiefschwarzen Pupille. Er folgte den Konturen ihrer Schultern, den Schattierungen unter ihrem Kinn, den Rundungen ihrer Brüste. Wenn sie vor ihm ging, starrte er auf ihren Hintern oder auf ihre Schenkel. Wenn er neben ihr saß, zeichnete sein Blick ihr Profil nach, verlor sich in ihren Ohren oder in ihren Haaren. Schritt um Schritt schien sich ihm ihre Schönheit zu erschließen, und mit jedem dieser Schritte glaubte er, sein eigenes Potenzial ein wenig mehr entfalten zu können.

Er schrieb Nita kleine Notizen, in denen er versuchte, ihre Anziehungskraft in adäquate Worte zu fassen. Der schönste Tag im Leben meiner Augen war der Tag, an dem sie dich zum ersten Mal erblicken durften, stand auf einem Zettel. Ich weiß nicht genau, ob der Weltraum unendlich ist. Bei deiner Schönheit bin ich sicher, dass sie es ist, stand auf einem anderen. Und je mehr er Nita und ihre Anmut lobpreiste, umso mehr wuchs sein Hunger danach, mit ihr zu schlafen. Es sollte sein erstes Mal werden.

Thom sehnte sich danach, sie zu berühren, ihre Haut zu streicheln. Er wollte ihre Brüste kneten, wollte ihre Hüften zu sich heranziehen. Er musste endlich wissen, wie es sich anfühlte, wenn der Penis in eine Vagina eindrang. All die Bewegungen und Handgriffe, die er bisher nur in Gedanken ausführte, sollten nun zu Tatsachen werden.

Sie sprachen bisweilen über Sex. Nita erzählte von ihren sexuellen Erlebnissen, auch von jenen, die nicht ganz freiwillig schienen. Einmal hatte sich ihr ein älterer Mann bei einer Party aufgedrängt, als sie ziemlich betrunken war. Ein anderes Mal war es ein Ex-Freund, der bei einem klärenden Treffen mit ihr schlafen wollte und sie es irgendwann geschehen ließ.

Thom wusste nicht, wie er mit diesen Erzählungen umgehen sollte, er hatte Mühe, dieses Informationen einzuordnen. Zwar empfand er Mitleid für Nita, war traurig, dass sie diese Erfahrungen hatte machen müssen. Doch zugleich war er seltsam verunsichert. Nita hatte die Ereignisse nicht im Detail geschildert, aber trotzdem entstanden in seinem Kopf Bilder, und diese Bilder machten ihn nervös.

Noch nervöser wurde Thom, als Nita ihn nach seinen eigenen sexuellen Erlebnissen fragte. Er haderte und zögerte, dann begann er, möglichst nachvollziehbare Geschichten zu erfinden. Er wollte sich nicht als Casanova inszenieren und dann ihren Erwartungen nicht gerecht werden. Hingegen schien es ihm undenkbar, ihr die Wahrheit zu erzählen. Zudem sah er sich selbst nicht als Jungfrau.

Sie waren seit einigen Wochen ein Paar, als Nita ihn an einem Samstagnachmittag zu sich nach Hause einlud und ihm sagte, dass ihre Eltern und ihr Bruder über das Wochenende verreist seien. Für Thom war klar, dass dies das unmissverständliche Signal war, dass sie miteinander schlafen würden. Schon als er mit dem Bus zu ihr fuhr, spürte er, wie sich in seinem Innern eine Nervosität ausbreitete, die sogar für ihn, der grundsätzlich häufig nervös war, ungewohnt war. Wiederholt tastete er nach der Kondompackung in der Seitentasche seines Rucksacks, und immer wieder entglitten ihm seine Gedanken, er malte sich lebhaft aus, wie und wo sie miteinander schlafen würden. Obwohl er fast allein im Bus war, bemühte er sich, mit dem Handrücken möglichst unauffällig seine Erektion zu verbergen.

Nita sah umwerfend aus, als sie die Tür öffneten. Sie trug ein Sommerkleid mit Blumenmuster, hatte eine neue Frisur und war dezent geschminkt. In einem der Szenarien, das Thom sich auf der Busfahrt ausgemalt hatte, waren sie sich direkt nach dem Schließen der Türe um den Hals gefallen, hatten sich energisch gegenseitig die Kleider abgestreift und sich auf dem Teppich im Flur geliebt. Doch nun zögerte Thom, küsste sie lediglich kurz auf die Lippen und sagte beinahe schüchtern, dass sie wunderschön sei. Nita machte einen Schritt zur Seite und ließ ihn eintreten.

Sie setzten sich auf die Couch im Wohnzimmer, tranken gekühlten Weißwein und knabberten Salzgebäck. Thom kam sich vor wie ein kleiner Junge, der nicht wagt, die Lehrerin zu fragen, ob er zur Toilette dürfe. Nita machte keinerlei Anstalten, die Initiative ergreifen zu wollen, sie saß lediglich in der Ecke der Couch, nippte an ihrem Weinglas und redete, wenn auch leiser und weniger als üblich.

Irgendwann stand sie auf, ging zur Toilette, und während er alleine auf der Couch saß, spielte Thom in seinem Kopf durch, was in den nächsten Minuten geschehen sollte. Er legte sich eine Art Plan zurecht, studierte sogar gewisse Sätze ein, die er zu sagen gedachte. Er wollte nichts dem Zufall überlassen, wollte die Kontrolle über die kommenden Ereignisse haben. Nur so schien es ihm denkbar, dass sich die Dinge nach seinen Vorstellungen entwickeln würden.

Nachdem Nita zurückgekommen war und wieder neben ihm Platz genommen hatte, begann sie, über etwas zu reden, doch Thom hörte gar nicht zu. Stattdessen wandte er sich ihr ruckartig zu, ließ ebenso ruckartig seine Hand vorschnellen und ergriff ihren Hals, um Nita zu ihm hin zu ziehen und sie zu küssen. Sie blieb seltsam starr und ungerührt. Zwar wehrte sie sich nicht, doch es schien ihr auch nicht sonderlich viel zu bedeuten, Thom in diesem Moment zu küssen.

Er schob seine Hände über ihre Oberarme, tastete dann unbeholfen nach ihren Brüsten und versuchte, unter ihr Kleid zu gelangen. Bisher schien sich nichts so zu entwickeln, wie er es sich Minuten zuvor vorgestellt hatte, was ihn aber nur noch energischer werden ließ. Beinahe hektisch zerrte er an ihrem Kleid, küsste sie immer wieder heftig auf Lippen und Hals und begann gleichzeitig, sich selbst auszuziehen. Sie hielt ihn nicht davon ab, zeigte aber noch immer keine Leidenschaft. Vielleicht hätte es Thom auffallen müssen, dass ihre gewohnte Zärtlichkeit und Körperlichkeit nicht zum Ausdruck kam, doch in jenem Moment waren seine Sinne zu sehr betäubt von seiner Begierde, dass er nicht wahrnahm, wie sie sich verkrampfte und lediglich passiv auf der Couch lag.

Nachdem er Nita den Slip vom Körper gezerrt und seine Unterhose ausgezogen hatte, holte er ein Kondom hervor, streifte es über seinen Penis und versuchte, in sie einzudringen. Immer wieder setzte er an, versuchte mit der Hand nachzuhelfen, drehte Nitas Becken ein wenig zur Seite und veränderte seine eigene Position, doch je länger sein Ansinnen ohne Erfolg blieb, desto plumper und ungelenker wurden seine Versuche. Irgendwann machte sich Panik in ihm breit, außerdem begann er, Nita die Schuld für sein Versagen zu geben.

Er bemerkte, wie sie ihn von sich wegstieß, doch er blieb zunächst beharrlich, ignorieret sogar ein japsendes Nein. Erst als ihre Reaktionen deutlicher wurden, ließ er von ihr ab und sank in seine Ecke der Couch zurück. Er spürte, wie die Tränen in seine Augen stiegen, und legte seinen Arm über sein Gesicht. Einige Minuten lang lag das Wohnzimmer in vollkommener Stille, er hörte lediglich das Rauschen in seinen Ohren. Er murmelte eine Entschuldigung und blickte Nita erstmals wieder an. Sie starrte mit leerem Blick zurück und zuckte lediglich mit den Schultern.

***

Er verlässt das Haus, zündet sich eine Zigarette an und geht los. Ein leichter Nieselregen hat eingesetzt, es ist ungewohnt kalt für Juli. Während er zu seinem Auto schlendert, denkt er zurück an jenen Sommer vor elf Jahren. Immer wieder redet er sich ein, dass ihm die Vergangenheit egal sein kann. Immer wieder sagt er sich, dass die Dinge damals gar nicht so schlimm waren, dass sie eigentlich keine Rolle mehr spielen. Immer wieder versucht er, sich selbst davon zu überzeugen, dass damals nichts Prägendes geschehen war. Trotzdem geht er weiter.

Als er seinen alten Ford Fiesta erreicht, klemmt eine kleine Karte unter dem Scheibenwischer. Eine Visitenkarten einer Exportfirma für Autos. Ankauf aller Marken. Faire Preise. Garantierter Kauf. Benommen starrt er auf die Karte, dreht sie in seinen Fingern. Dann reißt er sie entzwei, lässt die Teile zu Boden gleiten und steigt ein.

***

Nach dem ersten Scheitern zog sich Thom für einige Tage zurück. Er war an jenem Tag ziemlich überhastet aus dem Haus von Nitas Eltern gestürmt und hatte sich danach nicht mehr gemeldet. Eine Woche später rief er Nita an und verabredete sich mit ihr in der alternativen Kneipe, in der sie sich zum ersten Mal zu zweit getroffen hatten.

Während sie noch immer sehr distanziert und ernsthaft wirkte, trug er seine einstudierten Entschuldigungen vor, bat sie um Verzeihung und um Verständnis. Vor allem argumentierte er damit, dass ihre Schönheit ihm jede Kontrolle über sich selbst geraubt hätte, in der Hoffnung, dass er mit diesem nicht sonderlich fantasievoll verschlüsselten Kompliment ihre Gunst zurückzugewinnen vermochte. Sie ließ sich zunächst nicht erweichen, willigte aber zumindest ein, ihn weiterhin zu sehen. Während er sich nochmals bei ihr entschuldigte und sich für ihre Nachsicht bedankte, fragte er sich immer wieder, ob es tatsächlich seine Schuld gewesen war. Wäre sie nur ein wenig offener und entgegenkommender gewesen, hätten sich die Dinge nicht in dieser Form entwickelt, davon war er überzeugt. Und blieb es auch.

Es dauerte zwei, vielleicht drei Wochen, bis sich ihre Beziehung wieder ein wenig normalisierte. Nita legte ihre Zurückhaltung nur langsam ab, doch Thom arbeitete dennoch beharrlich daran, die entstandenen Schrunden und Wunden zu kitten. Er brachte ihr Blumen, er schrieb ihr lange Briefe, er fertigte ein Mixtape an und vor allem blieb er äußerst vorsichtig, wenn er sie berührte oder küsste.

Nach etwa zwei Monaten war Thom überzeugt, dass er einen neuen Anlauf wagen könnte. Nita verhielt sich wieder wie früher, war fröhlich, witzig und suchte immer wieder seine Nähe. Zwar sprach sie es nicht direkt aus, doch er war sich sicher, dass sie bereit war, mit ihm zu schlafen. Um seine ehrenwerten Absichten zu verdeutlichen, lud er sie zu einem Wochenende in einem kleinen Schlosshotel ein. Der Aufenthalt kostete ihn beinahe seine gesamten Ersparnisse, doch das schien ihm die Sache wert zu sein.

Das Abendessen schmeckte ausgezeichnet, es gab gedämpften Fisch, dazu Reis mit Mandeln, zum Nachtisch eine undefinierbare, aber umso schmackhaftere Süßspeise mit Karamell. Nach einem Drink an der Bar zogen sich Nita und Thom ins Hotelzimmer zurück und legten sich auf das riesige Bett.

Dieses Mal war es Nita, die den Anfang machte. Sie streichelte seinen Bauch, ließ ihre Hand mit sanftem Druck über seine Brust zu seinem Hals gleiten, küsste ihn und grub dabei ihre Finger in sein Haar. In jenem Moment spürte er, wie die gesamte Anspannung der vergangenen Wochen von ihm abfiel, die Knoten, welche sich als Folge der Entbehrungen in seinem Innern gebildet hatten, begannen sich zu lösen. Sein gesamter Körper schien neuen Atem zu schöpfen, alles in ihm begann zu vibrieren.

Er registrierte gar nicht, wie es geschah, doch plötzlich lag er auf Nita, zog ihr mit einer Hand den Slip aus und knetete mit der anderen Hand ihre Brüste. Er streifte Jeans und Unterhose ab, drückte gleichzeitig ihren Oberkörper nach unten und wehrte sich gegen ihr immer heftiger werdendes Aufbäumen. Wiederholt schob er ihren Körper zurück auf die Matratze, ließ dabei ein leises Raunen entweichen. Er riss ihre Bluse auf und starrte auf ihre Haut, als er den stechenden Schmerz im Unterleib spürte. Irgendwie war es ihr gelungen, ihr Bein zu lösen und ihm ihr Knie in die Weichteile zu rammen. Er krümmte sich, japste und schnappte nach Luft, dann fiel er vom Bett zu Boden und stieß sich den Kopf am Nachttisch an.

Bis er sich aufgerappelt hatte, war es Nita bereits gelungen, ihre Kleider und die Toilettenartikel einzusammeln und in ihre kleine Tasche zu stopfen. Als Thom aufstand und seinen schmerzenden Kopf abtastete, sah er noch, wie die Türe des Hotelzimmers hinter ihr ins Schloss fiel.

***

Seit jenem Abend im Hotel hatte er nichts mehr von ihr gehört, hatte sie weder gesehen noch gesprochen. Sie hatte ihm einige Tage später eine Tüte voller Dinge, die entweder ihm gehörten oder die er ihr geschenkt hatte, in den Hauseingang gestellt. Er hatte mehrere Male versucht, sie zu erreichen, doch seine Briefe blieben unbeantwortet, und wenn er sie zu Hause anrief, teilten ihm ihre Eltern mit, dass sie nicht mit ihm reden wollte.

Dass er ihren Namen im Internet nachgeschlagen und bald darauf ihre Adresse herausgefunden hatte, war eher einer gewissen Langeweile und allgemeinen Unzufriedenheit zu verdanken. Es war keineswegs so, dass er elf Jahre darauf gewartet hatte, sie wiederzusehen. Seine Jungfräulichkeit hatte er längst abgelegt, wenn auch nur bei einer Prostituierten, und die Sehnsucht nach Nita war längst einem Achselzucken gewichen. Doch als ihr Name auf dem Bildschirm auftauchte, war ihm klar, dass er diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte.

Er stellt seinen Ford Fiesta eine Straße weiter ab und geht den restlichen Weg zu Fuß. Möglichst unauffällig sieht er sich nach Hausnummern um, blickt in die Gärten und an die Fassaden, als könnte er aus ihnen Rückschlüsse ziehen auf das Leben, das Nita nun lebt. Das Viertel, in welchem sie wohnt, wirkt nahezu penetrant normal, an allen Ecken und Enden schimmert Alltäglichkeit hervor. Abfallcontainer stehen akkurat aufgereiht, die Hecken sind mit ausreichender Präzision, aber nicht pingelig genau geschnitten, die Autos in den Einfahrten sind größtenteils relativ neu, aber nicht oberklassig. Hier leben normale Menschen ihr normales Leben, und gerade deshalb passt Nita hier nicht hin, zumindest nicht jene Nita, die er in Erinnerung hat. Dann denkt er daran, dass er sich vielleicht nicht richtig erinnert. Dass die Dinge nicht so gewesen sind. Dass alles nur ein Missverständnis war, mehrere Missverständnisse, eine Verkettung von Missverständnissen. Er kann ihnen nicht trauen, den Erinnerungen an Nita, das weiß er mittlerweile.

Als Thom die Hausnummer erblickt, geht er zunächst weiter, als wäre er gar noch nicht am Ziel. Nach einigen Metern macht er kehrt, geht zurück. Er steigt die wenigen Treppen zum Hauseingang hoch und betrachtet die Namen auf den Klingelschildern, den Atem angehalten, als müsste er eine Bombe entschärfen. Als er den Namen Nita Kaufmann liest, hebt er bereits die Hand, um auf den Knopf zu drücken, lässt sie aber sogleich wieder sinken. Seine Finger zittern, oder sie scheinen zu zittern, sein Puls wird schneller, hektisch, das Rauschen in den Ohren lauter. Schließlich schiebt er beide Hände in die Hosentaschen und drückt sie gegen die Oberschenkel. Vorsichtig sieht er sich um, nach links, nach rechts, nach hinten, um zu überprüfen, ob ihn niemand beobachtet. Er hat keine Ahnung, was er tun soll. Also bleibt er stehen, mit den Händen in den Hosentaschen, und wartet, bis sich sein Puls wieder beruhigt.

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