Nita verschwindet

Kapitel 16: Nita fragt ihren Vater, ob er sich daran erinnere, wie sie damals beim Leichtathletikturnier gewann. (Februar 2011 / Juni 1994)

Sie war vor allen anderen Mädchen ins Ziel gekommen. Sie weiß nicht mehr, ob es 200 oder 400 Meter waren, sie kann sich nicht an die Zeit erinnern, auch nicht daran, wer die Ränge hinter ihr belegt hatte. Doch sie sieht die Rennbahn noch genau vor sich, den rötlich-braunen Boden, die weißen Linien, daneben den Rasen, akkurat geschnitten und gepflegt . Sie sieht die einfachen Holzkisten, die als Siegerpodest dienten. Sie sieht ihre Mutter, wie sie ihre Hände an die Wangen schlägt und sich dann die Tränen aus den Augenwinkeln wischt. Und irgendwo dahinter steht ihr Vater. Er schaut sie an, nickt kurz und hebt den Daumen. Dann wendet er sich ab und blickt sich gelangweilt um, wie er es schon den ganzen Nachmittag lang getan hat.

Warum es genau diese Erinnerung ist, die sich wiederholt und in erstaunlicher Klarheit in ihren Kopf schleicht, kann sich Nita nicht abschließend erklären. Sie glaubt nach wie vor nicht, dass der Moment bei der improvisierten Siegerehrung einen prägenden Eindruck hinterlassen haben könnte. Eher vermutet sie den Zufall hinter der Häufung der Bilder jenes Nachmittags im Sportstadion. Es war ein Leichtathletikturnier für Jugendliche, und obschon sie dem Sport schon damals nur noch mit halbem Herzen frönte und sie zudem in einer Gruppe mit weitaus älteren Mädchen hatte starten müssen, hatte sie teilgenommen. Ein solches Rennen zu gewinnen, war jahrelang ihr Traum gewesen, doch bis zu jenem Nachmittag hatte sich dieser Traum schon längst verflüchtigt, war nichtig geworden.

Dass sie dennoch gewann, endlich, war ihr aber keineswegs gleichgültig. Als die holprig sprechende Stimme metallisch aus den Lautsprechern dröhnte und ihren Sieg verkündete, verspürte sie zum vielleicht ersten Mal in ihrem Leben einen gewissen Stolz. Schon nachdem sie die Ziellinie überquert hatte, war ihr erster Blick zu ihren Eltern gegangen. Die Mutter hatte die Hände in die Höhe gestreckt, ihr Mund war weit aufgerissen, ganz offensichtlich brüllte sie ein Ja in die Luft, das tief in ihrem Innern wurzelte. Ihr Vater stand daneben, die Händen in den Hosentaschen vergraben. Er blickte irgendwo hin, überall hin, aber nicht zu ihr.

«Weißt du noch, als ich damals beim Leichtathletikturnier gewann?», fragt Nita ihren Vater. Hugo blinzelt sie an und legt den Kopf ein wenig schief.

«Leichtathletikturnier? Wann soll denn das gewesen sein? Ich kann mich nicht mehr erinnern.»

«1994 oder 1995, ich weiß es auch nicht mehr genau. Ich habe sogar eine Goldmedaille gewonnen. Keine Ahnung, wo diese Medaille ist; wahrscheinlich liegt sie irgendwo im Keller und gammelt in einer Kiste vor sich hin.»

«Wobei hast du denn gewonnen?»

«200 Meter. Oder 400 Meter. Ist egal. Ging mir nur gerade durch den Kopf.»

Hugo zuckt mit den Schultern und blickt Nita lächelnd an. Sie fragt sich, ob er schon immer so gleichgültig gewesen ist. Oder ob er irgendwann einmal näher dran war am Leben. Ob das Blut einst rascher durch seine Adern gedrängt wurde. Jetzt scheint es nur noch zu kriechen, wie Honig, wie dickflüssiger Sirup. Manchmal beobachtet sie ihn von der Seite und glaubt, dass sein Gesicht unmittelbar vor ihren Augen altert, die Haut scheint zu bröckeln, die Falten werden brüchig. Es ist nicht sein Altern, das sie dann jeweils erschüttert. Es ist seine Trägheit, seine offensichtliche Unfähigkeit, sich gegen diese Apathie zu wehren. Bisweilen möchte sie ihm ein Glas Wasser an den Kopf werfen oder wünscht sich einen jener überdimensionalen Plastikhammer, mit denen einfallslose Clowns auf Passanten einprügeln. Wenn sie ihren Vater ansieht, in diesen Augenblicken der Lethargie, fragt sie sich, wer dieser Mensch ist und was er ihr überhaupt bedeutet, obwohl sie es genau weiß, jederzeit.

Das Leichtathletikturnier war längst nicht die einzige derartige Situation. Bei Quartierfesten, bei Geburtstagspartys, bei Schulanlässen – immer wieder sah sie ihren Vater, wie er scheinbar unbeeindruckt vom Rest der Welt im Raum stand, umgeben von Menschen, denen das Geschehen etwas bedeutete oder die zumindest Interesse vortäuschten. Ihr Vater hingegen wirkte stets wie ein lebloses Objekt, ein Möbelstück, das jemand am falschen Ort platziert und zurückgelassen hatte. Manchmal winkte sie diesem Möbelstück zu, und manchmal winkte das Möbelstück sogar zurück. Dennoch hatte sie danach stets einen merkwürdigen Geschmack im Mund.

Einige Wochen, nachdem sie ihren Vater zum Leichtathletikturnier befragt hat, ist Nita wieder bei ihren Eltern zu Besuch, steht bei der Mutter in der Küche. Als diese zu Ende gekocht hat und den Nudeltopf zum Tisch bringt, bittet sie Nita, ihren Vater zu holen, der sich ziemlich sicher im Hobbyraum aufhalte.

Der Hobbyraum ist nicht nur Werkstatt, sondern auch eine Art Fluchtpunkt für ihren Vater. Wenn er keine Lust auf Gesellschaft hat oder sich unwohl fühlt, zieht er sich in dieses kleine Zimmer im Untergeschoss zurück, und solche Situationen ergeben sich offensichtlich relativ häufig. Meistens arbeitet er tatsächlich an einem Projekt, auch wenn es sich dabei selten um etwas Bedeutsames handelt. Bisweilen bastelt er ein Vogelhaus, dann wieder repariert er ein ferngesteuertes Auto eines Jungen aus der Nachbarschaft. Manchmal sitzt er auch einfach in seinem alten Sessel, blättert in einer Zeitschrift oder hält sie zumindest in den Händen. Als Nita an jenem Tag in den Hobbyraum kommt, ist ihr Vater nicht dort. Sie hört, wie er die Türe zum Badezimmer in der oberen Etage schließt, und möchte bereits in die Küche zurückgehen, als sie unvermittelt stehenbleibt. Sie sieht sich im Hobbyraum um, der noch immer gleich aussieht wie vor zehn und vor zwanzig Jahren. Das ist kein Platz für Veränderungen, denkt sie sich und wendet sich ab, als sie in Augenwinkel etwas bemerkt, das ihre Aufmerksamkeit erregt.

Sie muss gar nicht allzu nahe herangehen, um zu erkennen, worum es sich handelt. Die Goldmedaille hängt an einem Nagel an der Wand, daneben ist ein Foto angebracht, das Nita bei der Siegerehrung des Leichtathletikturniers zeigt. Das Bild ist ihr vollkommen unbekannt, sie sieht es zum ersten Mal, und bei der Medaille ist sie ziemlich sicher, dass sie nie zuvor an der Wand des Hobbyraums zu finden war. Nita bleibt stehen, vielleicht eine Minute lang, und starrt die Medaille an. Sie tritt einen Schritt näher, hebt ihre Hand, doch sie wagt nicht, die Medaille zu berühren.

Als sie in die Küche kommt, sitzt ihr Vater bereits am Tisch. Sie überlegt sich, ob sie ihn fragen soll, ob er die Goldmedaille schon immer im Hobbyraum aufbewahrt oder sie erst kürzlich dort aufgehängt hat. Sie setzt sich hin, blickt ihren Vater an und lächelt. Hugo lächelt zurück und nippt dann an seinem Weinglas. Nita schaut ihre Mutter an, dann wieder ihren Vater, bleibt aber stumm. Dann beginnt sie zu essen.

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