Nita verschwindet

Kapitel 13: Maria blättert in einem Fotoalbum und streichelt das Gesicht ihrer Tochter. (August 2016)

Das Fotoalbum liegt in Marias Schoss, ihre Hände liegen auf dem Buchdeckel und im Raum liegt das Schweigen, schon seit etwa einer Stunde ungebrochen. Maria wartet, bis Hugo endlich das Wohnzimmer betritt, um genau dann das Fotoalbum aufzuschlagen und, begleitet von einem Seufzen, auf die Fotos zu starren. Sie weiß zwar, dass Hugo wohl grummelnd fragen wird, warum sie das Album schon wieder betrachtet. Sie weiß, dass er sagen wird, dass es doch nichts bringe, dass es nichts nütze, wenn sie die Bilder immer wieder anschaue und sich die Augen ausheule. Doch sie weiß nicht, was sie sonst tun soll.

«Schon wieder?», fragt Hugo, nachdem er sich in seinen Sessel gesetzt hat. Maria zuckt mit den Schultern und blättert eine Seite um.

«Ich weiß, dass du es blöd findest. Aber mir ist es wichtig.»

«Schon gut, schon gut, ich sage nichts mehr.»

Sie lässt ihre Finger über die eingeklebten Fotos gleiten. Sie streichelt einen Wald im Hintergrund, sie streichelt einen blauen Himmel, sie streichelt eine ziemlich lächerliche Wintermütze, und schließlich streichelt sie das Gesicht ihrer Tochter und bemerkt, wie der Daumen leicht zu zittern beginnt.

«Hier», flüstert Maria und zeigt auf ein Foto, das ein kleines Mädchen vor einer Schaukel zeigt. «Das war der Spielplatz, auf dem sich Anita damals ihren Arm gebrochen hat. Ich weiß noch, wie laut sie geweint hat, und dann, einfach so, hat sie aufgehört, ist ganz still geworden und hat ins Nichts gestarrt. Muss ich jetzt sterben, Mama?, hat sie gefragt. Und ich habe geantwortet, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, dass alles wieder gut werden würde.»

Mit aufgerissenen Augen blickt sie ihren Mann an.

«Und jetzt? Wird jetzt auch alles wieder gut?»

«Ich weiß es nicht, Maria, ich weiß es nicht.»

Und vielleicht denkt auch er, genauso wie Maria, gerade daran, wie selten er sie bei ihrem Namen nennt.

Sie schlägt die nächste Seite auf, lächelt kurz und lässt die Mundwinkel wieder sinken. Erneut suchen ihre Finger den Kontakt zu den Fotos, erneut streichelt sie das Gesicht des kleinen Mädchens, das sich auf einem Bild gerade über eine gelbe Blume freut.

«Sie war so hübsch, nicht wahr?», fragt Maria, ohne eine Antwort zu erwarten. «Alle haben sie sofort ins Herz geschlossen, wenn sie Anita gesehen haben. So ein hübsches Mädchen, haben sie gesagt. Und ich war so stolz. Nicht nur, weil sie hübsch war, sondern weil sie so fröhlich war, so lebendig. Ich konnte irgendwie gar nicht glauben, dass etwas so Schönes wie sie aus meinem Körper gekommen war. Natürlich war ich auch stolz auf Martin, bin es noch immer. Aber bei Anita war es irgendwie anders.»

«Vielleicht, weil sie ein Mädchen war?», fragt Hugo mit einer Stimme, die nicht unbedingt auf eine Antwort drängt.

«Ja, vielleicht», gibt Maria zurück, dankbar, dass er sich zumindest rudimentär um einen Dialog bemüht. Sie hebt eine Seite hoch, um weiterzublättern, lässt sie aber wieder sinken, als ob ihr Gewicht zu groß sei. Nach einem kurzen Durchatmen gelingt es ihr doch noch, die Seite umzublättern.

«Hier, ihre Katze. Wie hieß die nochmals?»

«Marie Curie», knurrt Hugo.

«Genau, Marie Curie. Ich mag den Namen noch immer nicht. Aber Anita hat ihn geliebt. Sie hat die Katze geliebt, über alles. Es hat mir das Herz gebrochen, als sie starb. Nicht wegen der Katze. Es war nur eine Katze. Aber wegen Anita.»

Maria schüttelt den Kopf und blickt zu Hugo, der jedoch weiterhin keine Anstalten zeigt, sich in besonderem Masse für ihre Erzählungen zu interessieren.

«Als die Katze starb, brach für Anita eine kleine Welt zusammen, da bin ich sicher. Sie lag ja neben ihr, die ganze Nacht, hielt den kleinen harten Körper umklammert, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Wo hast du die Katze hingebracht?»

«Kleintierverwertung», zischt Hugo, als ob er diese Antwort schon unzählige Male hatte geben müssen.

«Was?»

«Kleintierverwertung!»

«Ach ja, genau. Kleintierverwertung. Fürchterliches Wort.»

«Oh, ein Bild von Martin und Anita. Sie sind selten zusammen auf Fotos, nicht wahr?»

«Ja», gibt Hugo zurück.

«Sie hatten oft Streit, aber oft hatten sie‘s auch gut, oder? Auf diesem Foto sehen sie jedenfalls so aus wie zwei Kinder, die sich mögen. Aber sie haben schon sehr häufig gestritten. Haben wir etwas falsch gemacht, Hugo? Hätten wir anders mit ihnen umgehen müssen?»

«Nicht alles ist dein Fehler oder unser Fehler. Geschwister streiten. Ich habe mich mit Ernst pausenlos gestritten.»

«Dein Bruder ist auch ein Spezialfall.»

«Warum soll er ein Spezialfall sein?», fragt Hugo und wirkt ein wenig erbost.

«Er streitet gern.»

«Ja, tut er, stimmt», erwidert Hugo und blickt nach oben. «Das macht ihn aber noch nicht zu einem Spezialfall.»

«Wie du meinst. Jedenfalls haben Martin und Anita nicht gestritten, als das Foto aufgenommen wurde. Da bin ich ziemlich sicher. Sie sehen zufrieden aus. Glücklich. Findest du nicht auch?»

«Da waren wir in jenem seltsamen Hotel», sagt Maria und zeigt mit ihrem Finger auf ein graues Gebäude, das vor einer Bergkulisse steht. «Das Licht in den Korridoren flackerte die ganze Zeit. Und dann der Gestank! So faulig und muffig, nach alten Schuhen, Schweiß und Suppenküche. Weißt du noch?»

Hugo nickt. Hugo weiß es noch. Und wenn sie beide es noch wissen, sieht er wohl keine Veranlassung, darüber zu sprechen. Sie lässt sich von seiner Gleichgültigkeit nicht beirren und redet weiter.

«Damals wurde Anita eine junge Frau, nicht wahr? Sie wollte eigentlich gar nicht mehr Ski fahren. Sie hockte lieber im Restaurant, nippte an ihrer Cola und beobachtete die jungen Burschen. Ich weiß noch, wie ich sie beobachtete, aus einiger Distanz. Da war ein merkwürdiges Gefühl in mir. Nicht Stolz, ganz und gar nicht. Auch nicht Wehmut oder Traurigkeit, weil sie älter wurde und kein Kind mehr war. Nein, es war Neid. Ganz einfach. Ich beneidete sie. Gott, wie ich sie beneidete. Sie war so jung und hübsch! Ich sehnte mich nicht nach dem Mädchen, das Anita früher war. Ich sehnte mich nach dem Mädchen, das ich früher war. Oder nein; ich sehnte mich nach dem Mädchen, das ich früher hätte sein können. Verstehst du, was ich meine, Hugo?»

Hugo nickt. Hugo versteht, was sie meint. Oder auch nicht. Er sieht jedenfalls weiterhin keine Veranlassung, darüber zu sprechen.

«Das Bild fehlt noch immer», seufzt Maria.

«Was glaubst du denn? Dass es plötzlich wieder zurückkehrt, als würde es aus dem Urlaub nach Hause kommen?», grummelt Hugo.

«Ich verstehe es nicht», gibt sie zurück und schiebt seinen Zynismus mit einer Handbewegung zur Seite. «Ich verstehe nicht, wie es verschwinden konnte! Hat Anita es genommen? Und wenn, wann hat sie es getan? Und warum? Es war ja kein spezielles Foto. Da war nur sie abgebildet, am Comer See, glaube ich. Es lag einmal in ihrer Wohnung, und als ich fragte, ob ich es mitnehmen dürfe, überließ sie es mir nur sehr widerwillig. Ich weiß nicht einmal mehr, wer dieses Foto aufgenommen hat. Weißt du, wer das Bild gemacht hat?» Hugo schüttelt den Kopf. Hugo weiß es auch nicht. Und selbst wenn er wüsste, sähe er wohl keine Veranlassung, darüber zu sprechen.

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