Nita verschwindet

Kapitel 11: Paul ist eigentlich viel zu alt und viel zu verheiratet für die Sache mit Nita. (Mai 2012)

Er steuert seinen Audi auf einen kleinen Parkplatz, stellt den Motor aus und bleibt hinter dem Steuer sitzen, starrt an die Windschutzscheibe, aber nicht durch sie hindurch. Irgendwann fährt ein anderes Auto vorüber, und Paul zuckt zusammen. Er starrt dem Wagen hinterher, bis er um eine Kurve biegt und aus seinem Blickfeld verschwindet. In den Filmen würde nun der Regen einsetzen. Kein Nieselregen, kein leichtes Tröpfeln, sondern ein prasselnder, nahezu wütender Regen, der alle anderen Geräusche der Welt gnadenlos niederbrüllt. Paul blickt nach oben. Einige Wolken hängen lose am Himmel, aber keine davon wäre imstande, filmreif zu regnen. Er fährt mit seinen Fingern durch die Haare, reißt sie leicht nach hinten, spürt das Zerren an der Kopfhaut. Dann holt er den Flachmann und eine neue Packung Zigaretten aus seiner Aktentasche und steigt aus.

Als er dem schmalen Weg entlanggeht, rutscht er immer wieder aus. Der Boden ist feucht, an manchen Stellen lehmig, und seine Lederschuhe verfügen über keinerlei Profil. Wenn er gewusst hätte, dass er diesen Aufstieg antreten würde, hätte er seine Wanderschuhe eingepackt. Doch er hat es nicht gewusst. Und er besitzt keine Wanderschuhe.

Du bist viel zu selten in der Natur, denkt er sich. Überall diese Freiheit, diese Schönheit, und du hockst in kleinen Büros und großen Sälen. Er ist gerne Politiker, und er ist stolz darauf, dass ihm sein Idealismus noch nicht vollkommen abhanden gekommen ist. Ich bin nicht wie meine Schuhe. Ich habe Profil, hört er seine Stimme im Kopf zischen. Seine Stimme im Kopf zischt in jüngster Zeit häufig, denn das Ich in seinem Kopf und das Ich da draußen, sie sind sich fremd geworden. Nita ist schuld, sagt er zu sich selbst, korrigiert sich aber umgehend selbst. Nein, Nita ist der Grund.

Der Weg steigt ein wenig stärker an, beschreibt enge Kurven. Die Bäume werden zahlreicher, die Luft allmählich kühler, der Lärm der Welt ebbt ab. Er war schon einmal hier, vor etwa dreißig Jahren, bei einem Schulausflug. Die Erinnerungen daran sind längst verblasst, da ist lediglich noch das Bild einer kleinen Hütte, die wohl weiter oben steht, bevor der Wald wieder in Grasland übergeht, kurz vor der Spitze des Hügels. Die Hütte war damals zerfallen, das einzige Fenster war zersplittert, eine Holzplanke war weggebrochen. Dennoch hockte damals die Frage, ob jemand in dieser armseligen Hütte wohnt, tagelang in seinem Kopf. Heute ist er ziemlich sicher, dass damals niemand in dieser Hütte lebte und es wohl auch jetzt nicht tut. Manchmal ist Wissen ein Verlust.

Als er die Stelle erreicht, an welcher die Hütte vor dreißig Jahren stand, ist er überrascht, dass sie noch genau gleich aussieht wie damals, wenn nicht besser. Sogar die zerborstene Fensterscheibe wurde ersetzt, auch scheinen keine Holzplanken zu fehlen. Er tritt näher heran, späht durch das kleine Fenster, kann aber nichts erkennen, eine Art Vorhang behindert die Sicht. Paul überlegt, an die Tür zu klopfen, lässt die bereits erhobene Faust aber wieder sinken und geht mit stolpernden Schritten weiter.

Er ist eigentlich viel zu alt und viel zu verheiratet und viel zu bekannt für ein solches Abenteuer, obwohl er es nicht Abenteuer nennt. Er nennt es Liebe, aber was versteht er schon von Liebe? Was versteht irgendjemand von Liebe? Wenn Liebe die universale Sprache ist, wie klingt sie denn? Wer spricht sie denn fließend, und warum gelingt es kaum, das ewige Stottern und Verhaspeln zu vermeiden, das Stammeln und Stocken?

Als der Wald aufhört, ist er verblüfft, wie hell die Welt noch immer ist. Die Sonne steht tief und fällt durch eine Lücke in den Baumreihen auf die Wiese, die sich bis zur Hügelspitze erstreckt. Paul zündet sich eine Zigarette an und geht mit raschen Schritten zum höchsten Punkt. Er zieht sein Jackett aus, legt es mit der Innenseite nach unten auf die Wiese, zieht noch seinen Flachmann aus der Innentasche und setzt sich hin. Er starrt auf seinen eigenen Namen, der am unteren Rand der Flasche eingeprägt ist. Der Flachmann war ein Geburtstagsgeschenk seiner Frau. Eigentlich müsste der Whisky bitter schmecken, denkt Paul. Er tut es nicht.

Als Politiker muss er den Eindruck vermitteln, dass er weiß, was er tut, er darf nicht hadern, nicht unsicher wirken. Nur so ist er glaubwürdig, nur so wirkt er überzeugend. Wenn es um Nita geht, hat er keine Ahnung, was er da eigentlich tut. Er tut es dennoch. Obwohl alles dagegen spricht. Sogar Nita.

«Vielleicht haben Elektroautos eine Zukunft», sagte Nita bei ihrer letzten Begegnung in ihrer Wohnung. «Vielleicht hat Solarstrom eine Zukunft, ich weiß es nicht. Vielleicht hat der Südsudan eine Zukunft. Aber wir haben keine Zukunft, Paul. Wir nicht.»

Sie hatten zuvor miteinander geschlafen, doch Nita hatte ihren Kopf zur Seite gedreht, als er sie danach küssen wollte. Also hatte er gefragt, was los sei.

«Woher willst du das wissen, Nita?» flüsterte er vorsichtig.

«Es geht nicht darum, ob ich es weiß oder nicht. Es geht darum, ob ich daran glaube. An uns. Und ich glaube nicht daran.»

«Aber ich glaube daran, Nita. Ich glaube an uns. Ich liebe dich.»

«Liebe. Weißt du, was Liebe ist? Du hast eine Frau, du hast Kinder. Dort müsste doch deine Liebe sein, bei ihnen. Nicht hier.»

«Liebe ist nichts, das man steuern kann.»

«Das stimmt. Kann man nicht.»

«Was soll das heißen?», wollte Paul wissen. «Dass du mich nicht liebst?»

«Zwischen uns liegen fast zwanzig Jahre. Du hast eine Familie, du hast eine Karriere, du hast eine gesellschaftliche Verantwortung. Ich habe nichts davon. Dein Leben und mein Leben sind Gegensätze. Ich könnte einfach verschwinden, könnte auf einem anderen Kontinent eine neue Existenz aufbauen und müsste mich vor niemandem rechtfertigen, höchstens vor meinen Eltern. Du kannst das nicht. Du kannst nicht einmal ohne Lügen und Ausflüchte bei mir sein. Wenn jemand wüsste, dass du hier bist, würde dein Palast einstürzen. Es geht nicht um Liebe, verstehst du? Ob ich dich liebe oder nicht, macht keinen Unterschied. Und ob du mich liebst oder nicht, macht ebenfalls keinen Unterschied.»

Nita stand abrupt auf und ging zum Fenster, drehte sich eine Zigarette und zündete sie an. Während sie den Rauch in den Nachmittag blies, stellte sich Paul zu ihr ans Fenster und legte seine Hände auf ihre Schultern. Üblicherweise hätte sie sich leicht nach hinten kippen lassen, um seinen Körper zu berühren. Doch sie blieb einfach stehen, schweigend, rauchend. Paul harrte einige Sekunden lang aus. Dann hob er seine Hände von ihren Schultern, kleidete sich rasch an und verließ ihre Wohnung.

Zwei Tage später sitzt er nun auf diesem Hügel und blickt auf die Landschaft vor ihm, ohne sie tatsächlich zu sehen. Er nippt an seinem Flachmann und belässt den Whisky in seinem Mund, als würde er darauf warten, dass ihm jemand ein Zeichen gibt, dass er nun schlucken dürfe. Das Zeichen bleibt aus. Paul schluckt den Whisky dennoch hinunter.

Als er Nita kennenlernte, fand er sie zunächst zwar hübsch, aber auch ein wenig grob und ungehobelt. Er war mit einigen Parteifreunden in einem Club, und weil einer seiner Kollegen eine der Frauen kannte, mit denen Nita unterwegs war, stand man beieinander, trank Gin Tonic und tanzte ein wenig ungelenk zu einer Art Musik, mit der Paul nichts anzufangen vermochte.

«Dein Körper wirkt, als wäre er allergisch auf diese Musik», schrie sie ihm ins Ohr. Er grinste und nickte.

«Ich warte noch auf einen passenden Impfstoff», gab Paul zurück und hob sein Glas.

«Ich bin Nita», brüllte sie.

«Ich bin Paul», gab er lauthals zurück.

Irgendwann tanzten sie miteinander, dann gab er ihr einen Drink aus, und sehr viel später standen sie gemeinsam in einer Gasse und küssten sich. Als sie seinen Hosenknopf öffnete und nach seinem Penis tastete, sagte er, dass er verheiratet sei.

«Dann sag Stopp», murmelte sie. Doch Paul schwieg.

Und nun war sie es, die Stopp gesagt hatte. Pauls Blick folgt einer Krähe, die über die Wiese fliegt und auf einem abgestorbenen Baum am Waldrand landet. Er merkt, wie die Kälte langsam unter seine Haut dringt, und drückt seine Arme fester an den Körper.

Er hätte alles aufgegeben für Nita. Schon einen Monat, nachdem sie sich kennengelernt hatten, war er kurz davor, seiner Frau Nadine alles zu erzählen. Er war keineswegs unglücklich mit Nadine und den beiden Kindern. Alles war in bester Ordnung. Doch genau diese Ordnung sorgte wohl dafür, dass zwischen den Dingen der Zeit eine leere Stelle in seinem Innern entstand, die ihn stetig zweifeln und verzweifeln ließ. Er war sich sicher, dass Nita genau jene leere Stelle hätte füllen können. Sie weckte neue Seiten in ihm, und die Tatsache, dass ihr dies scheinbar mühelos gelang, ließ ihn annehmen, dass da mit der Zeit noch viele weitere neuen Seiten zum Leben erwachen würden.

Dieser verdammte Konjunktiv, grummelt Paul vor sich hin und nimmt einen weiteren Schluck aus dem Flachmann.

«Warum ich?», wollte Paul wissen. Er blickte an die Decke, während sein Hinterkopf auf Nitas Bauch lag.

«Wie, warum du?»

«Warum bin ich es, der hier liegt, und nicht ein hübscher Jüngling mit strammen Muskeln und tätowierten Oberarmen?»

«Tattoos und Muskeln werden überschätzt.»

«Du weißt, was ich meine.»

«Ich weiß nicht.»

«Du weißt nicht, was ich meine, oder du weißt nicht, warum ich es bin?»

«Genau.»

Paul stand auf und begann, sich anzuziehen. Er überlegte, mit welcher Erklärung er den Fragen seiner Frau dieses Mal ausweichen könnte. Eine weitere Sitzung der Arbeitsgruppe Kultur würde sie ihm kaum glauben, ein verlängerter Abendspaziergang wäre in Anbetracht des heftigen Regens ebenfalls ziemlich fragwürdig. Er holte sein Handy aus der Tasche und schrieb Nadine per SMS, dass er noch einen alten Schulfreund getroffen habe und bald zu Hause sei.

«Hast du deiner Frau geschrieben?»

Paul nickte, ohne Nita anzusehen. Er wusste, welchen Blick sie ihm zuwarf, und er sah ihn nicht gerne. Der Raum schien leicht zur Seite zu kippen, und er versuchte, auf die Stelle zu fokussieren, an welcher ein Tischbein auf den Holzboden traf. Er starrte auf den schmalen Schatten, der sich bildete. Dann ging er zu Nita, die noch immer nackt auf dem Bett lag, küsste sie auf die Stirn und ging. Wahrscheinlich hätte er schon an jenem Abend vor etwa zwei Wochen merken müssen, dass der Zerfall wie Wundbrand um sich griff. Wahrscheinlich. Nur weil etwas wahr scheint, muss es nicht wahrhaftig sein.

Er zündet sich die nächste Zigarette an, möchte einen weiteren Schluck trinken, doch die Flasche ist leer. Reflexartig wirft er sie weit von sich weg, steht dann hastig auf und holt sie zurück. Er setzt sich wieder hin, lässt seinen Daumen über die eingravierte Inschrift gleiten und raucht. Während die Sonne hinter dem Wald versinkt, fragt er sich, wie lange es dauert, bis sein Handy klingelt.

Irgendwann wird es dunkel, und Paul geht wieder zurück, schleicht allmählich hinab zum Parkplatz. Im Wald ist jeder Baum ein dürres Monster, jeder Windhauch der Atem einer unsichtbaren Präsenz. Als ein Rascheln ertönt, zuckt Paul zusammen und bleibt stehen. In seinen Schläfen pocht das Blut, sein eigenes Keuchen klingt wie das rasselnde Schnauben eines furchteinflößenden Wesens. Er geht mit eiligen Schritten weiter, stolpert und strauchelt über Wurzeln und Steine. Bald darauf kommt er bei der Hütte vorbei. Natürlich ist sie dunkel, natürlich brennt darin kein Licht, er kann nur die Umrisse kennen. Dennoch hat er den Eindruck, dass jemand in der Hütte ist. Über den staubigen Boden schleicht, die alte Luft atmet, mit knorrigen Fingern über die Holzwände streicht. Er lauscht einige Sekunden, doch alles, was er hört, ist ein fernes Knacken. Also läuft er weiter, läuft immer schneller, fällt einige Male hin und rappelt sich wieder auf. Schließlich erreicht er seinen Audi, zerrt die Türe auf und steigt ein. Nachdem er den Wagen von innen verriegelt hat, beginnt er, auf das Lenkrad einzuprügeln. Zunächst sind es nur vereinzelte Schläge, dann werden sie häufiger, heftiger. Er hört erst auf, als die Hände zu sehr schmerzen.

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