Nita verschwindet

Kapitel 37: Lisa fährt zum Flughafen, obwohl sie nicht genau weiß, warum sie nach Ouagadougou fliegen sollte. (August 2016)

Ouagadougou. Lisa versteht noch immer nicht, warum es Ouagadougou sein musste. Bis vor wenigen Monaten kannte sie nicht einmal den Namen dieser Stadt. Wusste nicht genau, wo Burkina Faso lag. Und jetzt ist sie auf dem Weg dorthin. Doch auch diesbezüglich wüsste sie keine Antwort auf das Warum. Vielleicht verzichtet sie deshalb darauf, sich diese Frage überhaupt zu stellen.

Irgendwann werde ich in Ouagadougou erwachen und mich fragen, warum ich so lange geschlafen habe. Von allen Sätzen, die sie aus dem Mund von Nita gehört hat, ist dies einer von jenen, die sich am meisten in ihr festgekrallt haben. Sie saßen damals auf der Couch in Lisas Wohnung, rauchten Zigaretten und tranken Rotwein. Irgendwann lag Lisas Kopf in Nita Schoss. Während Nita ihre Finger durch Lisas Haare gleiten ließ und mit leiser Stimme redete, blickte Lisa nach oben auf ihr Gesicht. Die ungewohnte Perspektive vermochte nichts an der außergewöhnlichen Ausprägung ihrer Gesichtszüge zu ändern. Schon der Kieferknochen erzählte eine ganz eigene Geschichte von der Wärme, die Nase schob sich beinahe zärtlich nach vorne, und die Lippen wirkten weich und sanft. Ouagadougou. Lisa mochte das Wort auf Anhieb. Zudem klang es aus Nitas Mund noch exotischer und aufregender, zugleich aber auch seltsam vertraut.

«Was würdest du in Ouagadougou tun wollen?», fragte Lisa leise, als Nita verstummt war und an ihrem Weinglas nippte.

«Ich weiß noch nicht genau. Es gibt viele Hilfsprojekte, für die man arbeiten kann. Ich habe ein wenig recherchiert. Ein Projekt hilft Müttern und Kindern dabei, Zugang zu Schule und Bildung zu erhalten. Das würde mich interessieren.»

«Hättest du keine Angst?»

«Angst? Natürlich hätte ich Angst. Aber die habe ich hier auch.»

Als Lisa einen letzten prüfenden Blick auf den Inhalt des Koffers wirft, spürt sie ein weiteres Mal, wie der Zweifel ihr ins Fleisch beißt. Sie starrt auf die sorgsam zusammengefalteten T-Shirts, auf die Plastiktüte mit der Unterwäsche, und versucht, sich vorzustellen, wie warm und feucht die Luft in Burkina Faso sein würde. Sie mag Wärme, sie mag das drückende Gefühl auf der Haut, wenn die Temperatur steigt, obwohl sie nicht gerne schwitzt. Sie fragt sich, wie sich ihr Körper anfühlen würde.

Schließlich klappt sie den Koffer zu, schließt den Reißverschluss und bringt das kleine Schloss an, trägt den Koffer bis zur Tür und stellt ihn hin. Während sie auf das Taxi wartet, geht sie durch ihre Wohnung, sieht sich um, als wäre es notwendig, sich jede Ecke genau einzuprägen. Im Schlafzimmer hängt ein Kunstruck eines Gemäldes von Edward Hopper, auf welchem eine Frau auf einem Bett sitzt und aus dem Fenster blickt, während die Sonne durch eben dieses Fenster hineinscheint und Rechtecke auf das Bett und an die Wand zeichnet. Lisa glaubt, den Blick der Frau zu kennen, dieses Sehnsucht darin, dieses Klammern an unsichtbare Punkte in der Ferne. Es ist nicht Fernweh. Sie sehnt sich nirgendwo hin. Aber manchmal sehnt sie sich weg vom Hier und Jetzt.

Im Korridor blickt Lisa auf die lang Reihe mit Fotos, die an einem langen Draht aufgehängt sind, der sich über die gesamte Wand zieht. Ein Bild zeigt sie mit einigen Freundinnen auf einem Boot. Auf einem anderen hält sie ein Eis in die Kamera; sie weiß nicht mehr, wer das Foto aufgenommen hat. Auf zwei Bildern ist Nita zu sehen. Eines davon ist ein Porträt, eine hellbraune Strähne hängt ihr über die Stirn, und bei ungenauem Hinschauen wirkt die Strähne wie ein Fragezeichen. Lisa blickt in die braunen Augen und fragt sich, ob sich darin eine Antwort finden ließe. Das andere Foto zeigt Nita im Park. Es ist wohl eines der schönsten Bilder, die Lisa je gesehen hat, und zweifellos eines der schönsten, die sie besitzt. Das Sonnenlicht scheint auf Nitas Gesicht, doch offensichtlich wird es durch einige Blätter eines Baumes oder eines Strauches gebrochen und behindert. Da sind dunklere Flecken zu sehen, leichte Schattierungen. Lisa fragt sich immer wieder, ob es die hellen Stellen sind, die das Bild so interessant und tiefgründig machen, oder die dunklen. Sie fragt sich auch jetzt, während sie das Foto mit ihren Fingern berührt. Eine Antwort bleibt weiterhin aus. Die fehlenden Antworten, denkt sie.

Sie blickt auf die Uhr. Das Taxi sollte längst da sein, allmählich gerät sie unter Zeitdruck. Der Zug zum Flughafen fährt in einer Dreiviertelstunde, und sie mag nicht erst im letzten Moment am Bahnhof eintreffen. Sie will noch in Ruhe eine Zigarette auf dem Bahnsteig rauchen, will noch eines dieser bunten und lauten Frauenmagazine am Kiosk kaufen, will noch die Menschen beobachten. Ein weiteres Mal geht sie zur Toilette, obwohl sie eigentlich gar nicht muss.

Ouagadougou sei keine besonders schöne Stadt, hatte die Frau im Reisebüro gesagt. Lisa hatte gefragt, ob sie denn bereits einmal dort gewesen sei. Die Frau hatte verneint, aber darauf hingewiesen, dass man diesbezüglich sehr gut informiert sei. Lisa wusste nicht, wie sie mit dieser Aussage umgehen sollte. Sie wollte etwas über die Schönheit sagen, über deren Subjektivität, doch als sie in die desinteressierten Augen der Frau im Reisebüro blickte, schien ihr jegliche Anmerkung sinnlos. Also zuckte sie mit den Schultern und sagte, dass ihr egal sei, ob Ouagadougou eine schöne oder eine hässliche Stadt sei. Sie brauche nur einen Flug und ein Hotel. Sie wolle kein Sightseeing machen.

Lisa stellt sich vor den Spiegel im Badezimmer, ihr Blick klammert sich an die kurzen dunklen Linien in den Augenwinkeln. Sie hat gar nicht bemerkt, dass sie alt geworden ist. Nicht alt, nein, aber älter. Sie könnte die Falten überschminken, könnte so lange hellbraune Paste in die Furchen reiben, bis sie wieder jung aussieht. Doch das wäre nicht ihr Gesicht, das wäre nicht sie. Und sie hat jetzt schon Mühe, die Frau zu erkennen, die ihr gegenübersteht.

Als es klingelt, hört sie es zunächst gar nicht. Erst beim zweiten Mal zuckt sie zusammen, rollt mit ihren Augen und eilt aus dem Badezimmer.

Der Taxifahrer ist ein alter und sehr dicker Mann, aber überaus freundlich. Er hält ihr die Tür auf, und einen Moment lang hat sie den Eindruck, dass er sich ein wenig verbeugt. Sie lächelt unsicher und steigt ein, setzt sich auf die weiche Rückbank. Ein bitterer, stechender Geruch steigt ihr in die Nase, und sie sieht sich um, kann aber nicht erkennt, worin die Ursache liegt. Als der Taxifahrer einsteigt, neigt sich der Wagen leicht zur Seite.

Während der Fahrt zum Bahnhof blickt sie aus dem Fenster. Einen kurzen Moment überlegt sie, wie es wäre, nie mehr zurückzukehren. Sie würde diese Gegend kaum vermissen. Sie sind ihr nicht wichtig, diese Straßen und Häuser, diese vereinzelten Bäume und Stromverteilungskästen. Aber sie gehören zu jenem Bild, das sie ein Zuhause nennt. Auch wenn das Bild eher eine Bleistiftskizze denn ein Ölgemälde ist.

«Zum Bahnhof, ja?», unterbricht der Taxifahrer ihre Gedanken.

«Genau, ja.»

«Verreisen Sie?»

«Ja», gibt Lisa zurück und muss sich beherrschen, um nicht zu fragen, ob denn ihr Koffer nicht als Beweis ihrer Reiseabsichten genüge.

«Wohin geht‘s denn?», fragt der Taxifahrer, und Lisa wünscht sich, er wäre einer der schweigsamen Sorte gewesen.

«Burkina Faso?»

«Wohin?»

«Burkina Faso. Ist im Westen von Afrika.»

«Scheiße», stöhnt der Taxifahrer, entschuldigt sich aber sofort. «Was suchen Sie denn da?»

«Das weiß ich nicht so genau», gibt sie nach kurzem Zögern zurück und ist überrascht, dass sie nicht lügen muss.

«Nein, im Ernst», insistiert der Taxifahrer. «Warum reisen Sie dorthin, nach Bar… Bar…?»

«Burkina Faso.»

«Genau, ja.»

«Wegen einer Freundin.»

«Ah, sie reisen gemeinsam.»

«Nein, ich fliege alleine.»

«Dann wohnt sie dort?»

«Nein, tut sie nicht.»

«Aber sie gehen sie besuchen?», hakt der Taxifahrer sichtlich verwirrt nach. Lisa drückt ihre Schläfe an die Kopfstütze.

«Nein, sie ist wahrscheinlich gar nicht in Burkina Faso. War es vielleicht nie.»

«Ich verstehe es nicht», seufzt der Mann und schüttelt den Kopf.

«Ich auch nicht, glauben Sie mir. Ich auch nicht.»

Einen Moment lang wirkt es so, als wolle er noch etwas anmerken, doch dann zuckt der Taxifahrer mit seinen mächtigen Schultern und fährt schweigend durch die Straßen. Beim Bahnhof hält er an, lädt ihren Koffer aus und zieht den Fahrpreis ein.

«Viel Spaß in Burkina Faso», ruft er ihr nach, als sie langsam zum Eingang geht. Erst eine Minute später fällt ihr auf, dass er sich an den Namen des Landes erinnert hat.

Lisa denkt an jene Nacht in Nitas Wohnung, vor allem an den Morgen danach. Als sie erwachte, lag sie allein in einem fremden Bett, doch sie fühlte sich weder einsam noch fremd. Sie glaubte, die Wärme in der Matratze und in der Decke sei nur durch ihre Liebe entstanden, durch ihre beiden Körper, die nicht nur sich gegenseitig, sondern auch das gesamte Umfeld aufheizten. Sie erwischte sich dabei, wie sie grinste, während sie in diesem Bett lag, und dieses Erwischtwerden ließ sie nur noch mehr grinsen. Lisa blickte sich in Nitas Zimmer um, musterte die Buddha-Statue auf der Kommode, das abstrakte Gemälde an der Wand, die merkwürdige Zimmerpflanze, die so aussah, als wäre sie schon längst verendet. Eigentlich wirkte nichts, das sie sah, besonders liebenswert oder außergewöhnlich auf sie, doch die Einzelteile verbanden sich zu einem großen Ganzen, dessen Kraft ihr beinahe den Atem raubte.

Sie kletterte langsam aus dem Bett und ging im Zimmer umher. Auf einem kleinen Tisch am Fenster lagen einige Bücher. Max Frisch. Kurt Vonnegut. T.C. Boyle. Lisa blätterte in einigen der Bücher und glaubte, dadurch den Gedanken von Nita ein wenig näher zu kommen, vielleicht sogar ihrem Wesen. Wenn sie heute daran zurückdenkt, wie sie an jenem Morgen durch Nitas Schlafzimmer streifte, neugierig und aufmerksam, muss Lisa lächeln. Doch es ist weder das unbekümmerte Grinsen von damals noch das wehmütige Lächeln der warmen und weichen Erinnerung. Es ist vor allem Bitterkeit, so ungewohnt wie lähmend.

Als sie an jenem Morgen aus dem Schlafzimmer trat, traf sie auf eine nachdenkliche, beinahe mürrische Nita. Fast schien es, als wäre die Nita aus der Nacht davor heimlich ersetzt worden durch eine schlechte und schlecht gelaunte Kopie. Manche Menschen verraten ihre Gefühle schon durch ihre Körperhaltung. Nita war ein solcher Mensch. Ihre Schultern waren nach vorne gekippt, sie wirkte kleiner als sonst, sie schien sich vom Licht abzuwenden, als würde sie eine allergische Reaktion befürchten.

Lisa fragte, ob alles in Ordnung sei, und Nita bejahte, schien sich aber nicht einmal zu bemühen, ihre Antwort glaubwürdig klingen zu lassen. Lisa machte einen dummen Witz über die anstrengende Nacht, die hinter ihnen lag, doch Nita starrte lediglich auf ihre Tasse. Ein Tiger war darauf abgebildet, ein freundlicher Tiger. In jenem Moment, als Nita diesen Tiger ansah, fühlte sich Lisa seltsam hilflos und isoliert, spürte ein bebendes Unbehagen in ihr aufsteigen. Sie wusste genau, was Nitas Verhalten zu bedeuten hatte. Sie zweifelte. Die Frau, mit der sie soeben eine wunderschöne Nacht verbracht hatte, zweifelte daran, dass diese Nacht die richtige Entscheidung gewesen war.

An jenem Morgen fragte sie Nita, ob sie unsicher sei. Schon das initiale Zögern hätte ihr als Antwort genügt. Zunächst verneinte Nita, doch bald darauf sagte sie, dass sie tatsächlich unsicher sei. Sie habe zwar noch fast nie etwas so Schönes und Echtes erlebt, doch zugleich habe sie wohl noch nie etwas so sehr aus der Fassung gebracht wie die gemeinsame Nacht mit Lisa. Aus der Fassung. Während sich Lisa erinnert, weiß sie noch immer nicht, warum sie diese Formulierung so erschütterte. Aus der Fassung.

Später setzten sich Lisa und Nita auf die Couch, auf der sie schon am Abend zuvor gesessen waren, doch die Couch wirkte anders, alles wirkte anders, schwerer als zuvor. Nita versuchte zu erklären, sie rang nach Worten, brach aber wiederholt mitten im Satz ab, schluckte ungesagte Vokale und Konsonanten hinunter. Lisa bemühte sich, die richtigen Fragen zu stellen, um das Gespräch am Leben zu erhalten, doch immer häufiger blieb Nitas Antwort aus. Womöglich waren es die falschen Fragen. Aber vielleicht spielten die Fragen gar keine Rolle mehr.

Irgendwann biss sich Lisa auf die Unterlippe und hörte auf zu fragen. Stattdessen zog sie Nita an sich und zwang sie beinahe zu einer Umarmung. Mit dem Furor einer Verzweifelten drückte sie den nahezu leblos wirkenden Körper an ihren eigenen, wollte nicht zulassen, dass da ein leerer Raum zwischen ihnen lag. Sie weiß nicht, wie lange sie derartig umschlungen auf der Couch gesessen wären, wenn sich Nita nicht irgendwann aus der Umarmung befreit hätte.

Lisa raucht eine Zigarette am Bahnsteig. Als der Zug einfährt, bleibt sie zunächst regungslos stehen, starrt auf den Boden. Sie wirft die Kippe in einen Aschenbecher und blickt auf die große Uhr neben der Anzeigetafel. In fünf Minuten fährt der Zug weiter, in Richtung Flughafen.

Sie folgt dem Sekundenzeiger, wie er den schwarzen Strichen entlang schleicht, ein ewiger Kreislauf, der eigentlich keinen Zweck hat und höchstens dazu dient, das unerträglich stetige und gleichmäßige Fortschreiten der Zeit zu visualisieren. Lisa wartet. Nach zwei Minuten blickt sie kurz auf ihren Koffer, nach drei Minuten sieht sie sich um, nach vier Minuten hält sie vorübergehend den Atem an. Wenige Sekunden vor der Abfahrtszeit greift sie nach dem Haltegriff des Koffers und steigt ein.

Nach der ersten gemeinsamen Nacht hatten sie sich lange Zeit nicht mehr gesehen, waren sich wohl aus dem Weg gegangen. Als sie das nächste Mal einen Abend miteinander verbrachten, schienen sich die Uhren jedoch neu justiert zu haben, waren zurückgedreht auf den Abend vor der ersten Nacht. Lisa wusste nicht, ob Nita sich hatte zurechtfinden müssen in ihrer eigenen Gefühlswelt, ob es eine Sache der Stimmung war oder ob sie einfach jene Fassung wiedergefunden hatte, aus welcher sie einige Wochen zuvor geraten war.

Sie verbrachten einen wunderschönen Abend zusammen, hatten Sex in einen verlassenen Eisenbahnwagen am Güterbahnhof, und als Lisa in jener Nacht nach Hause wankte, war sie vollkommen betrunken von ihren Gefühlen und zugleich so nüchtern wie nie zuvor. In jenem Moment wusste sie nicht, wie sie ihren Zustand beschreiben sollte, aber sie wollte, dass er ewig andauern und niemals enden würde.

Natürlich dauerte er nicht ewig an, aber doch einige Wochen, sogar Monate. Doch dann begann er zu bröckeln, alles begann zu bröckeln. Lisa hatte genügend Erfahrung mit diesem Bröckeln, das Bröckeln war ihr allzu vertraut. Doch bei Nita wollte sie es nicht zulassen. Sie klammerte sich an die Hoffnung, denn die Hoffnung hat viele Ecken, Kanten und Fugen, an denen man sich festhalten kann. Bis ihr, damals im Februar, alle Kraft aus den Fingern gewichen war und sie loslassen musste.

Unzählige Menschen sind am Flughafen, unzählige Menschen befinden sich mit Lisa am gleichen Ort, teilen Raum und Zeit. Eine junge Frau eilt an ihr vorüber, hektisch und gestresst, grob und kalt, zweifellos eine Geschäftsfrau, sie trägt ein elegantes Kleid, zieht einen kleinen Koffer hinter sich her. Sie geht zu einer Rolltreppe, und während sie nach oben fährt, sieht sie sich um. Ihr Blick trifft jenen von Lisa. Die Frau verharrt und lächelt. Schon dieses Lächeln genügt, um Lisas Vorurteile umgehend auszumerzen. Auf ihrem Weg zur nächsten Etage verwandelt sich die fremde Frau in ein warmes und begehrenswertes Wesen. Lisa denkt, dass sie sich in diese Frau verlieben könnte. Dann denkt sie, dass sie sich nicht selten äußerst schnell in eine Frau verliebt.

Als die Frau aus ihrem Blickfeld verschwunden ist, fährt auch Lisa mit der Rolltreppe nach oben und geht weiter, bis sie in der großen Abflughalle mit den Check-in-Schaltern steht. Sie blickt auf die überdimensionale Anzeigetafel, sucht nach dem Eintrag für Brüssel. Dort müsste sie zwischenlanden, hätte einige Stunden Aufenthalt.

Sie liest das Wort Brüssel und ist erstaunt, dass ihr noch nie aufgefallen ist, wie lächerlich der Name dieser Stadt in der deutschen Sprache klingt. Die Eleganz der französischen Bezeichnung Bruxelles ist komplett ausradiert, nichts ist davon übrig, nur ein unförmiger Klumpen aus Buchstaben.

Die Frau im Reisebüro hatte ihr mitgeteilt, dass ein Visum für Reisen nach Burkina Faso in der Regel ohne Probleme erhältlich sei, für Burkina Faso jedoch eine Reisewarnung ausgegeben worden sei. Sie müsse ausdrücklich vor Reisen in dieses Land warnen. Ihre entgleisten Gesichtszüge, als sie in dieses Land sagte, erzählte wohl mehr über die Frau im Reisebüro als über Burkina Faso.

Als Lisa im Reisebüro darauf beharrte, dass sie nach Ouagadougou reisen wolle, fühlte sie sich stark und selbstsicher. Sie drückte ihren Rücken durch, blickte der immer unsympathischer wirkenden Frau in die Augen und sagte mit ruhiger Stimme, dass sie ganz sicher nach Burkina Faso reisen werde und sich weder von Reisewarnungen noch von mühsamen Visa-Formalitäten oder anderen Umtrieben aufhalten lassen wolle. Die Frau zuckte mit ihren schmalen Schultern und tippte auf der Tastatur ihres Computers.

Als sie an jenem Tag das Reisebüro mit den ersten Reiseunterlagen in der Tasche verließ, geschah etwas Merkwürdiges. Lisa war soeben auf den Gehsteig getreten und wollte in Richtung Innenstadt gehen, als sie plötzlich gegen ein Hindernis stieß. Sie blickte sich erschrocken um, jäh aus den Gedanken gerissen, doch da war nichts zu entdecken, nichts, das ihr im Weg hätte stehen können. Sie schaute an ihrem Körper hinunter, als wolle sie sich versichern, dass sie unversehrt geblieben war. Ein weiteres Mal blickte sie sich um, sah erneut nichts, auch niemanden, der etwas hätte beobachten können. Während sie allmählich weiterging, spürte sie ein merkwürdiges Unbehagen, eine undefinierbare Angst. Sie fühlte sich angreifbar, verletzlich, und diese Verletzlichkeit war ungewohnt, beinahe schmerzhaft.

Sie weigerte sich, daran zu glauben, dass dieser Zwischenfall einen Einfluss auf ihr emotionales Befinden hatte. Doch sie konnte auch nicht verhindern, dass sich diese Gedanke in ihrem Kopf festsetzte.

Nachdem sie sich damals im Februar von Nita gelöst hatte, war es Lisa unmöglich geworden, am gleichen Ort wie sie zu arbeiten. Sie gab die Stelle auf, fand jedoch rasch etwas Neues und verdiente dort sogar mehr Geld, doch das war kein Trost. Überhaupt war von Trost nicht die Rede. Obschon sie sich immer wieder einredete, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, konnte sie das Hadern und Bereuen nicht abschütteln. Sie kämpfte sich durch die öden Tage am neuen Arbeitsplatz und eilte nach Feierabend nach Hause, trank Rotwein, starrte auf unsichtbare Punkte an der Wand oder auf dem Boden und versuchte, sich mit Filmen abzulenken, was in der Regel nicht gelang.

Schließlich rief sie Nita an. Sie wollte lediglich ihre Stimme hören, wollte wissen, wie es ihr geht. Das Telefongespräch war merkwürdig, Nita schien in einem Moment begeistert, im nächsten gelangweilt. Sie sprachen über erschreckend banale Dinge, sogar über das Wetter, doch Lisa war erleichtert, überhaupt Nitas Stimme zu hören. Dennoch war sie auch in zunehmendem Masse verunsichert, denn Nita schien nicht daran interessiert zu sein, ein normales Gespräch aufrechtzuerhalten. Einen Moment lang wirkte sie konzentriert und aufmerksam, dann wieder gab sie lediglich einzelne Wörter oder Satzfragmente von sich. Ein Satz löste sich aus dem Gespräch und brannte sich in ihren Gehörgang ein. Entweder gehe ich bald einmal nach Burkina Faso, oder ich gehe nie mehr irgendwo hin. Lisa wusste nicht, was sie auf diesen Satz hätte erwidern sollen, also schwieg sie, kaute lediglich auf ihrer Unterlippe und war sich nicht sicher, was diese Aussage zu bedeuten hatte.

Heute weiß sie, dass sie hätte nachfragen sollen, denn bei jenem Telefongespräch hatte Lisa zum letzten Mal Nitas Stimme gehört. Seither hatte sie immer wieder Nitas Nummer gewählt, doch sie hatte nie abgenommen. Schließlich gab Lisa auf. Und fragte sich, was sie tun sollte.

Vor dem Check-in-Schalter hat sich eine Menschenschlange gebildet. Lisa stellt sich in die Reihe und beobachtet die Menschen um sie herum. Sie sieht eine Frau, etwa 50 Jahre alt, sie trägt ein altmodisches Sommerkleid und eine Atemschutzmaske. Sie sieht einen Vater, er zieht seinen kleinen Sohn an der Hand hinter sich her; der Junge schaut sich nervös um, der Vater blickt mit ernstem Gesichtsausdruck geradeaus. Sie sieht eine junge Frau, sie steht neben einem Werbeplakat, hält ihr Handy ans Ohr und ist sichtlich traurig. Sie sieht eine alte Frau, im Rollstuhl sitzend, der von einem Flughafenmitarbeiter gestoßen wird; die Augen der Frau sind träge und leer. Sie sieht einen Mann mit schwarzem Ledermantel, schwarzem Lederhut und Sonnenbrille. Sie sieht eine schwangere Frau, ihre Hand liegt auf dem Bauch. Sie sieht zwei junge Männer, sie tanzen spontan zu belangloser Klaviermusik einer Bar. Sie sieht eine ältere Frau mit Hilflosigkeit in den Augen, sie wirft verzweifelt die Hände in die Luft und blickt sich suchend um. Sie sieht einen jungen Mann, er wirkt außergewöhnlich freundlich; auf dem T-Shirt, das er trägt, steht in großen Buchstaben Fuck you geschrieben. Sie sieht ein altes Ehepaar, es löffelt synchron Eiscreme; er Schokolade, sie Erdbeere oder Himbeere. Sie sieht diese Menschen und fragt sich, wohin sie reisen. Was sie antreibt, was sie anzieht. Sie könnte sich für jede diese Personen eine Geschichte ausdenken, eine fiktive Biografie skizzieren, und sie könnte sehr viel Zeit damit ausfüllen, könnte in Gedanken durch diese große Flughafenhalle schleichen und in fremde Leben blicken, doch am Ende käme sie wohl dennoch bei sich selbst an, und damit bei der Frage, was sie selbst antreibt, was sie selbst anzieht. Sie hat keine Ahnung, was sie eigentlich sucht. Aber sie ist eigentlich ziemlich sicher, dass sie es nicht in Ouagadougou finden wird. Eigentlich. Ziemlich.

Als Lisa der Frau am Check-in-Schalter erklärt, dass sie den Flug nicht antreten werde, zuckt diese nur mit den Schultern und murmelt Okay. Lisa wendet sich ab und entfernt sich langsam, zieht den Koffer hinter ihr her. Die Rollen sind laut auf dem Steinboden der Flughafenhalle, die Wände scheinen den Schall intensiviert zurückzuwerfen. Lisa starrt auf die Tür und geht ihr entgegen, gerade so, als wäre es das Letzte, das es noch zu tun gäbe.

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