Nita verschwindet

Kapitel 36: Nita sitzt in einem Riesenrad und wünscht sich, dass zwei Menschen nicht da wären. (Oktober 2015)

«Wie geht‘s dir, Papa?», fragt Nita.

«Schlechten Leuten geht‘s immer gut», erwidert ihr Vater, und sie weiß nicht genau, ob sie sich an seinen uralten Floskeln stört oder sie zu schätzen vermag.

«Was machst du so?»

«Nichts Spezielles. Deine Mutter ist Kaffee trinken bei Elsa. Du weißt schon, unsere frühere Nachbarin.»

«Ja, Elsa. Ich dachte, die sei schon tot.»

«Nein, ist sie nicht. Jedenfalls hoffe ich es. Sonst bekommt deine Mutter wohl keinen Kaffee.»

Während sie mit ihrem Vater telefoniert, kritzelt Nita auf einen Notizblock. Sie zeichnet den Kopf einer Frau, versucht es zumindest, denn eigentlich kann Nita nicht zeichnen, hat keinerlei Gespür für Proportionen und Formen. Trotzdem erkennt sie Lisa in der Zeichnung. Sie erkennt Lisa in vielen Dingen. Als ihr Vater ihr sagt, dass die Mutter nicht zu Hause ist, denkt sie daran, ihm von Lisa zu erzählen. Von jenem Moment auf dem Riesenrad zum Beispiel. Von jenem atemberaubenden Moment auf dem Riesenrad.

«Wir telefonieren so selten, Papa.»

«Ja. Deine Mutter ist besser darin.»

«Besser worin?»

«Im Telefonieren.»

«Nur weil man viel redet, ist man kein besserer Gesprächspartner.»

«Mag sein. Keine Ahnung. Jedenfalls, jetzt telefonieren wir ja miteinander.»

«Stimmt. Also. Wie geht‘s dir Papa? Ehrlich.»

«Gut. Ja, wirklich. Ich habe vorhin im Hobbyraum gearbeitet. Ich baue eine Camera Obscura. Aus Holz.»

«Eine was?»

«Eine Camera Obscura. Eine Lochkamera.»

«Ach so. Schön. Und, kommst du voran?»

«Ich bin noch in der Planungsphase. Sollte aber keine Probleme geben.»

Während er erzählt, wie die Camera Obscura funktioniert und was man beim Bauen beachten muss, hört sie nur halbherzig zu. Sie fühlt sich schuldig, dass sie seinen Ausführungen nicht mehr Aufmerksamkeit zu schenken vermag, doch ändern kann sie es dennoch nicht. Sie liebt den Klang seiner Stimme, dieses tiefe Brummen, sie mag, wie er manche Wörter betont, Wörter wie sorgfältig und vorsichtig und Kontrast. Trotzdem sehnt sie sich danach, mit ihm nicht nur über Banalitäten und Renovierungsarbeiten und das Wetter und die Camera Obscura reden zu können.

«Und wie geht‘s dir, Anita?», fragt er plötzlich. Nita hat auf die Frage gewartet, aber jetzt, wo er sie gestellt hat, gerät sie dennoch kurzzeitig aus der Fassung.

«Gut. Sehr gut», stammelt sie. Ihre Mutter hätte in diesem Moment gefragt, warum es ihr denn so gut gehe und ob sie einen Freund habe. Ihre Mutter hätte darüber geredet, dass Nita endlich etwas aus ihrem Leben machen müsse und dass die Zeit auf niemanden warte, schon gar nicht auf sie als Frau. Ihre Mutter hätte sie zur Weißglut gebracht mit ihren Theorien, Unterstellungen und Träumereien. Ihr Vater ist anders.

«Schön. Das freut mich.»

«Vorgestern war ich auf dem Jahrmarkt. Wir waren auf dem Riesenrad.»

«Ach ja?»

«Ja», gibt Nita zurück und wartet, bis er fragt, ob es schön war und wen sie mit Wir meint. Doch er fragt nicht. Natürlich fragt er nicht.

«Wie ist das Wetter bei dir?», will ihr Vater stattdessen wissen.

«Papa, wir wohnen zwölf Kilometer voneinander entfernt.»

«Ich weiß.»

«Wir haben das gleiche Wetter.»

«Okay.»

«Es ist grau und trist bei mir», stößt Nita ein wenig widerwillig hervor. «Die Wolken hängen wie eine riesige und schwere Decke über der Stadt. Wie ist es denn bei dir?»

«Hier ist der Himmel bedeckt.»

«Siehst du? Das gleiche Wetter!»

«Ja», erwidert ihr Vater. «Aber du hast es schöner beschrieben.»

Einige Minuten später legen sie auf. Sie lässt ihr Telefon neben sich auf die Couch fallen, lehnt sich zurück, schließt die Augen und legt den Unterarm auf ihr Gesicht. Nita ballt ihre Hand zur Faust und spürt, wie sich die Muskeln in ihrem Arm verhärten.

Ihrer Mutter würde sie niemals von Erlebnissen wie jenem Moment auf dem Riesenrad erzählen wollen. Wenn ihre Mutter mit ihr spricht, fühlt sie sich stets wie auf einer Anklagebank, jede Frage ist zugleich ein Vorwurf, jeder Bemerkung wohnt ein Fingerzeig inne. Sie hat in Gesprächen mit ihrer Mutter schon unzählige Male das Telefon aufgehängt, bisweilen war schon die Frage, ob sie endlich einen Freund habe, Grund genug, den roten Knopf zu drücken. Bei ihrem Vater jedoch sehnt sie sich nach derartigen Fragen, sehnt sich nach Anzeichen von Interesse. Und sie will sich nicht daran gewöhnen, dass sie ausbleiben.

Sie geht zum Fenster, zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch hinaus in den kühlen Herbstnachmittag. Auf einem nahen Baum sitzt eine Amsel und blickt zu ihr herüber. Nita hebt die Hand und winkt kurz. Natürlich ist ihr bewusst, dass der Vogel mit diesem Winken eigentlich herzlich wenig anfangen kann. Trotzdem tut es gut, der Amsel zu winken, mit ihr diesen Moment zu teilen.

Nachdem sie die Zigarette ausgedrückt hat, geht sie zurück zur Couch, nimmt ihr Telefon in die Hand und tut so, als ob sie eine Nummer wählen würde. Dann tut sie so, als ob sie darauf warten würde, dass jemand abnimmt. Und schließlich tut sie so, als ob ihr Vater sich gemeldet hätte und mit ihr reden würde.

«Hallo Papa, ich bin‘s nochmals.»

«…»

«Ich wollte nur nochmals anrufen und dir etwas erzählen.»

«…»

«Ich habe ja erwähnt, dass ich auf dem Jahrmarkt war.»

«…»

«Genau. Es war wunderschön.»

«…»

«Mit wem ich dort war? Mit Lisa.»

«…»

«Lisa ist eine Freundin von mir. Wir arbeiten zusammen. Also nicht im gleichen Büro, aber in der Nähe.»

«…»

«Na ja, vielleicht mehr als eine Freundin. Es ist kompliziert, irgendwie. Obwohl es gleichzeitig auch so einfach ist.»

«…»

«Ich weiß gar nicht, ob ich es überhaupt definieren will, verstehst du? Ich will es nicht in eine dieser bekannten Schubladen stecken. Sie ist mir zu wertvoll, diese Sache mit Lisa.»

«…»

«Ich glaube schon, ja. Wenn ich am Morgen aufwache, denke ich sofort an sie. Das ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert.»

«…»

«Es ist anders. Definitiv anders. Mit Männern fühlte ich mich häufig in eine Rolle gedrängt. Es ist nicht so, dass ich allen etwas vorgespielt hätte, das glaube ich nicht. Doch manchmal merkte ich sehr schnell, dass es sich nicht richtig anfühlte. Eigentlich merkte ich es meistens sehr schnell. Bei Lisa nicht. Mit Lisa fühlen sich viele Dinge sehr richtig an.»

«…»

«Ja, haben wir. Und es war sehr schön.»

«…»

«Doch. Sehr viel intensiver, viel zärtlicher. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Frau besser versteht, was mir gefällt. Keine Ahnung.»

«…»

«Nein, überhaupt nicht. Natürlich ist das schön und wichtig. Aber da ist noch sehr viel mehr. Wie zum Beispiel auf dem Riesenrad.»

«…»

«Wir waren ja auf dem Jahrmarkt, und da gab es ein Riesenrad. Wir stiegen in eine Gondel. Leider stiegen noch weitere Leute in die Gondel, ein älteres Paar. Ich wäre lieber allein mit Lisa gewesen. Jedenfalls, das Riesenrad setzte sich in Bewegung, die Gondel stieg langsam höher. Ich sah mich um, blickte über die Bäume und die Marktstände, und immer wieder schaute ich zu Lisa. Als die Gondel zuoberst stand, hielt das Riesenrad an. Dann trafen sich unsere Blicke. Lisa lächelte. Sie hat auch sonst ein wundervolles Lächeln, doch in jenem Moment, in jener Riesenradgondel weit über dem Boden, wirkte ihr Lächeln beinahe magisch, verstehst du? Ihr Gesicht war voller Wärme, alles an ihr wirkte so echt und natürlich und liebenswert. Man stellt sich Menschen häufig schöner und besser vor, als sie tatsächlich sind, oder nicht? Bei Lisa hatte ich in jenem Moment den Eindruck, dass ich sie mir selbst in den wundervollsten Träumen zu wenig schön und zu wenig gut vorgestellt hatte. Die tief stehende Sonne tauchte ihr Gesicht in eine warme Farbe, brachte es beinahe zum Leuchten, und in jenem Moment, dort auf dem Riesenrad, war dieser Anblick einfach perfekt. Und ich hätte am liebsten das ältere Paar aus der Gondel geworfen, um mit Lisa allein sein zu können. Ich wollte sie küssen, wollte ihr Gesicht streicheln, wollte sie berühren. Ich wollte ihr sagen, was ich für sie empfinde.»

«…»

«Ich weiß es nicht genau. Aber dort oben, auf dem Riesenrad, hätte ich wohl die richtigen Worte gefunden, da bin ich sicher.»

«…»

«Ich glaube schon.»

«…»

«Danke.»

«…»

«Vielleicht, mal sehen. Ich fände es schön, ja. Sie ist wirklich toll. Sehr klug und sehr witzig. Du würdest sie mögen.»

«…»

«Ja, wer weiß, irgendwann.»

«…»

«Ich mich auch, Papa, ich mich auch, das kannst du mir glauben.»

«…»

«Ja, mich hat es auch gefreut, mit dir zu reden.»

«…»

«Danke.»

«…»

«Dir auch, Papa.»

Sie lässt das Telefon langsam sinken, starrt auf den schwarzen Bildschirm. Als sie das Telefon ein wenig zur Seite neigt, spiegelt sich ein Teil ihres Gesichtes im Bildschirm. Rasch schließt sie die Augen und dreht das Telefon um, presst es gegen ihren Oberschenkel.

Plötzlich spürt sie ein Vibrieren im Gerät, der Bildschirm leuchtet auf. Nita zuckt zusammen, und als sie liest, wer anruft, öffnet sich ihr Mund ein wenig, sie schnappt nach Luft. Nach einigen Sekunden räuspert sie sich und nimmt den Anruf an.

«Ich habe gerade an dich gedacht», sagt Nita, noch immer ein wenig atemlos.

«Ach ja?», hört sie die Stimme ihr Mutter und zuckt zusammen.

«Ähm… Ja… Also nein, eigentlich an Papa. Ich dachte, er sei am Telefon. Entschuldige.»

«Schon gut. Er hat erwähnt, dass er mit dir telefoniert hat, doch er mochte nicht erzählen, wie es dir geht, darum wollte ich dich selbst fragen. Wie geht es dir?»

«Es geht mir gut, Mama. Ganz gut.»

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