Nita verschwindet

Kapitel 4: Nita pflanzt Bellastar F1 an, doch die Tomaten wachsen nicht wie gewünscht. (Mai 2015)

Ganz leicht anzubauen seien sie, hatte der Mann in der Gartenabteilung des Baumarkts gesagt. Er hatte ihr von den verschiedenen Sorten erzählt, von Golden Currant, Mirabell, Lollipop, Goldita, Yellow Pearshaped, Amish Cherry, Orange Ping Pong. Nita hatte sich gewundert, wer seine Zeit damit verbringt, Kirschtomatensorten zu benennen. Und sie hatte sich gefragt, welche Geschichten sich hinter diesem Namen verbergen. Katinka war sehr süß und pilzresistent. Licobello verfügte über eine ungewöhnliche Fruchtform, fast wie eine Paprika. Die Angora super sweet hatte eine leicht bittere Schale. Die Kleine Thai war saftig und äußerst widerstandsfähig. Der Verkäufer in der Gartenabteilung schien tatsächlich sehr kompetent zu sein, er war zudem ungemein motiviert und breitete zwanzig Minuten lang sein gesamten Tomatenwissen vor ihr aus. Der Baumarkt konnte mit seinem Enthusiasmus jedoch nicht mithalten und führte lediglich einige wenige Sorten im Angebot. Nita entschied sich für Bellastar F1, eine kleine Datteltomate. Sie kaufte keine Samen, sondern eine Jungpflanze, wenige Zentimeter hoch.

Sie hatte wie empfohlen einen sonnigen und relativ windgeschützten Standort gewählt, auf jenem kleinen Rechteck, das der Vermieter als großzügigen Balkon angepriesen hatte. Nita stellte den kleinen Topf auf einen Metallhocker und hob einige Blätter mit ihren Fingern leicht an. Bisweilen war ihr alles Natürliche suspekt, selbst eine Kirschtomatenpflanze ließ in ihr ein Gefühl reifen, das sie häufig mit Ehrfurcht verwechselte. Es war keine Ehrfurcht. Es war wohl eher Neid oder Missgunst. Die Kirschtomatenpflanze, sie schien so selbstverständlich in diese Welt zu wachsen, wirkte so mühelos und aufrichtig. Nita starrte auf die kleinen Stiele der Pflanze, auf die Blätter mit ihrer eigentümlichen Form. Die Bellastar F1 mochte sich zwar unumstößlich und unzweifelhaft in jedes Umfeld fügen, doch sie war Nita im Allgemeinen dennoch unterlegen. Als Demonstration ihrer Macht riss sie ein kleines Blatt der Kirschtomatenpflanze ab, zerrieb es zwischen ihren Fingern. Tut mir leid.

In den ersten Tagen schien sich die Bellastar F1 durchaus wohlzufühlen. Sie wuchs merklich, zumal ihr Nita einen Pflanzstab in die Erde gesteckt hatte, damit sie nicht umkippte. Jedes Mal, wenn Nita auf den Balkon trat, blickte sie auf die Tomatenpflanze und spürte eine merkwürdige Genugtuung in sich aufsteigen. Als ihre Mutter anrief und sie wie üblich nach Neuigkeiten befragte, gab Nita für einmal rasch und bereitwillig Auskunft.

«Ich habe jetzt eine Tomate», sagte Nita mit ungewohntem Überschwang in der Stimme.

«Du hast was?», fragte die Mutter.

«Ich habe eine Tomate. Eine Kirschtomatenpflanze.»

«Eine Kirschtomatenpflanze?»

«Ja. Eine Bellastar F1. Sie ist wunderschön. Sie steht auf dem Balkon und blickt hinauf in den Himmel, wie ein staunendes Kind, das einen Regenbogen sieht.»

«Du klingst so… Ich weiß nicht… so zufrieden.»

«Ach ja?»

«Ja. Bist du verliebt?»

«Nein, Mama, ich bin nicht verliebt. Ich habe mir lediglich eine Kirschtomatenpflanze gekauft.»

«Na, dann stell dir mal vor, wie du klingen würdest, wenn du verliebt wärst!»

«Ich weiß, wie ich klinge, wenn ich verliebt bin.»

«Ich nicht, Anita, ich nicht.»

«Okay, Mama.»

In den folgenden Tagen war ihr die Bellastar F1 eine Bereicherung der Zeit, sie entwickelte eine merkwürdige Zuneigung zur kleinen Pflanze auf dem Balkon. Sie gab ihr genügend Wasser, aber auch nicht zu viel. Wenn ein Sturm über das Haus zog, durfte die Bellastar F1 vorübergehend ins Wohnzimmer umziehen. Sie setzte speziellen Tomatendünger ein, um das Wachstum zu fördern und die Widerstandskraft der Pflanze zu stärken.

Wenn Nita zu Hause war, verging kaum eine Stunde, ohne dass sie nach der Pflanze sah. Sie setzte sich neben sie, rauchte eine selbstgedrehte Zigarette und redete manchmal leise. Nicht mit sich selbst, schließlich führte sie keine Selbstgespräche. Auch nicht mit der Pflanze, schließlich war sie, eben, eine Pflanze. Sie redete einfach.

Eines Tages kam sie von der Arbeit nach Hause, ging auf den Balkon und fand die Bellastar F1 ein wenig geknickt vor. Einzelne Zweige hingen nach unten, die Blätter wirkten seltsam trocken und eingefallen, und bei genauem Hinsehen erkannte Nita kleine dunkelbraune, beinahe schwarze Punkte. Zunächst dachte sie, der Pflanze fehle es an Wasser, also goss sie reichlich davon in den Topf. Am folgenden Tag jedoch waren die Flecken deutlich grösser geworden, hart und nahezu bösartig grenzten sie sich vom Grün der Blätter ab. Nita kniete sich vor die Bellastar F1 hin, nahm einige Blätter in die Hand und streichelte mit den Fingerkuppen über die samtene Oberfläche. Sie murmelte einige Worte, dann begann sie, klarer und deutlicher zu artikulieren. Sie redete direkt auf die Pflanze ein, sprach ihr Mut zu, beinahe so, als wäre die Bellastar F1 ein krankes Haustier.

Später telefonierte sie mit ihrer Mutter.

«Sie ist krank, Mama.»

«Wer ist krank?»

«Die Tomatenpflanze. Sie hat braune Flecken auf den Blättern. Ich weiß nicht, was ich tun soll.»

«Wirf sie weg und kauf dir eine neue. Es ist ja nur eine Pflanze.»

«Ich will sie nicht wegwerfen!», erwiderte Nita entrüstet. «Ich will, dass sie wieder gesund wird.»

Sie hörte das Atmen ihrer Mutter, es klang viel lauter und gepresster als sonst.

«Ich hole mal deinen Vater ans Telefon, vielleicht kann er dir ja helfen.»

Während Nita wartete, ging sie auf den Balkon und stellte sich vor die Bellastar F1.

«Anita?»

«Hallo Papa. Hat dir Mama erzählt, worum es geht?

«Etwas wegen deiner Tomate?»

«Ja. Sie hat kleine braune Flecken und wirkt schlapp. Ich mache mir Sorgen.»

«Aha. Also… Wie sehen denn die Flecken aus?»

«Braun, fast schwarz. Nein, eher dunkelgrau. Relativ klein. Einer sieht aus wie ein Totenkopf.»

«Wie sehen die Ränder aus? Verschwimmen sie mit dem Grün, oder ist da eine scharfe Trennung?»

«Eine scharfe Trennung, würde ich sagen. Zum Teil sind die Blätter auch ein wenig gelblich.»

Nita hörte, wie ihr Vater in einem Buch blätterte und leise vor sich hin murmelte. Sie konnte ihn vor sich sehen, wie er in seinem Sessel saß, das große Buch auf den Knien. Bestimmt trug er die braunen Hosen, die er so oft trug, wenn er zu Hause war.

«Ich habe da was gefunden. Es ist vielleicht die Dürrfleckenkrankheit. Jedenfalls stimmen die Anzeichen überein.»

«Dürrfleckenkrankheit?»

«Ja. Hier steht, der Verursacher der Dürrfleckenkrankheit an Tomaten ist der Pilz Alternaria solani, der sich mit dem Wind verbreitet und im Boden oder an Pflanzstäben überwintert.»

«Kann man etwas dagegen tun?»

«Moment… Es gibt Pflanzenschutzmittel, die vielleicht helfen können.»

Er nannte ihr einige merkwürdige Namen, und Nita schrieb sie auf einen Zettel, doch sie fühlte sich dabei seltsam matt und müde. Sie spürte ein Pochen in den Schläfen, der Hals wirkte trocken.

«Glaubst du, ich kann sie noch retten?»

«Ich weiß es nicht, Anita», gab ihr Vater zurück. «Vielleicht musst du es einfach versuchen.»

Der Rettungsversuch, er hatte keinen Erfolg. Einige Tage, nachdem Nita die Flecken an der Pflanze bemerkt hatte, warf sie die Bellastar F1 in den Mülleimer. Danach setzte sie sich auf den Metallhocker auf dem Balkon und rauchte eine selbstgedrehte Zigarette. Sie starrte hinauf zum Himmel, ließ die weißen Wolken über das helle Blau ziehen, ohne ihnen mit ihrem Blick zu folgen. Sie blies den Zigarettenrauch von sich weg und betrachtete die Formen, die der Dunst in der Luft bildete. Doch die Silhouetten der Wolken und Rauchschwaden blieben undefiniert, sie konnte nichts in ihnen erkennen. Keinen Hund, keinen Bären, kein Herz, keinen Menschenkopf. Nichts. Nur Wolken, bedeutungslose Wolken.

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